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3 In der Politik


Mit einer gewissen Regelmäßigkeit beschert uns das Fernsehen einen bunten Wahlabend. Der Ablauf ist bekannt. Nach Schließung der Wahllokale erscheint die erste Hochrechnung. Meist eine ziemlich genaue Voraussage nahe am amtlichen Endergebnis.
Das Spiel auf dem Bildschirm ist dennoch für Millionen Zuschauer spannend, denn die erste Hochrechnung wird womöglich von zwei Seiten korrigiert. Erstens durch die Hochrechnung eines anderen Instituts, zweitens durch die nach und nach eintreffenden Auszählungen der Wahlkreise.
Bei klaren Mehrheiten nimmt die Spannung wohl rasch ab. Die stündlich oder noch öfter verbesserten Hochrechnungen verfehlen das amtliche Endergebnis nur noch unwesentlich. Aber bei einem Kopf-an Kopf-Rennen zwischen Regierung und Opposition kommt es manchmal auf die Stellen hinter dem Komma an, und dann bleibt die Spannung bis zum Schluss, zumindest für die parteipolitisch gebundene Minderheit der Zuschauer. Für sie steht mehr auf dem Spiel als die Regierungsmehrheit. Einzel-Ergebnisse aus einem Wahlkreis, Veränderungen gegenüber der letzten Wahl, das Abschneiden eines bestimmten Kandidaten, Direktwahl oder Listenplatz etwa.
Während die Bekanntgabe der Zahlen das Publikum mehr oder weniger erfreut oder enttäuscht wie bei der Ziehung der Lottozahlen, versuchen die Programmgestalter mit eingeblendeten Stellungnahmen der Partei-Oberen daran zu erinnern, dass es um Politik und nicht um Zahlenspiele geht. Aber die Rolle der Rechner ist und bleibt überragend.
Die Inhalte des politischen Streits, durch den voraufgegangenen Wahlkampf ohne Neuigkeitswert, rutschen an den Rand.
Am Ende steht der Sieg der Rechner fest. Sie haben einmal mehr gezeigt, dass sie mit einem Bruchteil der Energie und Zeit, die eine Wahl jedesmal kostet, gute Ergebnisse bereitstellen.
Dabei ist das Wahlverfahren mit oder ohne Rechner ein fragwürdiges Zahlenspiel. Es geht nie auf. Dennoch ist es dem brutalen Kampf um die Herrschaft vorzuziehen - je mehr Spiel, desto weniger Bürgerkrieg, desto mehr politische Kultur.
Freilich schließt auch die demokratischste Abstimmung Spielverderber nicht aus, auch keine Intrigen und Kämpfe hinter den Kulissen. Beispiele: Barschel-Affäre, Spendenskandale, Korruption.
Und natürlich stellt das Wahlspiel durch die paar Neubesetzungen von Machtpositionen das etablierte Machtgefüge nicht in Frage. Die Pyramide bleibt stehen, nur ein paar Steine werden ausgetauscht. Die hierarchischen Strukturen, die alle Organe, ja, alle Fasern und Zellen der Gesellschaft modellieren, bleiben unverändert. Obgleich gerade sie es sind, die wichtige Initiativen und sachliche Argumente, schließlich das verantwortliche Handeln nur allzu oft be- oder verhindern.
Die strukturelle Gewalt ergänzt die Exekutive mit ihrem Instrumentarium direkter Gewalt.
Ein Wahlsonntag mit seinem Spielcharakter ist eben doch kein politischer Alltag.



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