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Bericht aus Olympia ('84)


Über alle Schranken hinweg eint die olympische Idee als eine Idee des Friedens die Besten der Welt.
Gestern hat in Olympia das Schnellfeuer-Pistolenschießen begonnen und verspricht für heute einen ersten Höhepunkt. Man hat hier keine Kosten und Mühen gescheut, für die olympischen Wettbewerbe Anlagen nach den neuesten Erkenntnissen zu schaffen, hat alles Erdenkliche getan, menschliche Unzulänglichkeiten und Irrtümer beim Leistungsvergleich auszuschließen. Mustergültig wie überall in Olympia auch hier die Organisation.
600 Anwärter sind als die Besten der Welt für die schwierige Übung des Schnellfeuer-Pistolenschießens eingetragen. Ein großartiges Meldeergebnis. Zugelassen sind automatische Pistolen oder Revolver aller Kaliber. Die Bedingung lautet: Sechs nebeneinander auftauchende Silhouetten von Menschen auf 25 Meter Entfernung in kürzester Zeit zu treffen.
Beim Feuerkommando werden die scheibenflachen Zielfiguren durch eine 90-Grad-Drehung um ihre Achse sichtbar, um alsbald durch eine gleiche Drehung wieder aus dem Blick zu verschwinden. Je nach Zeiteinstellung der automatischen Anlage erscheinen die Silhouetten für die Dauer von acht, sechs, vier, drei oder nur zwei Sekunden. Der Schütze muß also mit der Sicherheit der Hand und des Auges die schnellste Reaktionsfähigkeit verbinden.
Das Schießen verlangt eine gewaltige Konzentration. Wenn man die Teilnehmer vor dem Kampf beobachtet, sieht man sie ganz bewußt 'in Ruhe machen'. Hastige Bewegungen werden peinlichst vermieden, desgleichen lebhafte oder gar laute Gespräche.
Gestern im ersten Durchgang mußte jeder Bewerber die Zielfiguren dreimal in je acht Sekunden beschießen. Ein einziger Fehlschuß brachte bereits um alle Chancen. Die Schützen, die es traf, schieden sofort aus. Das ist grausam, aber es ist auch gerecht. Der olympische Kampf ist der härteste, der erbarmungsloseste, also auch der gerechteste, denn er bringt die verborgensten Schwächen ans Licht. Und darauf kommt es zuletzt und zutiefst doch an, wo die Besten der Welt sich messen. Da darf ein Mädchen ein noch so reizendes Menschenkind sein, zuckt sie den Bruchteil einer Sekunde zu früh, zögert sie nur den Bruchteil einer Sekunde zu lange, dann genügt sie eben nicht den Anforderungen, die der Kampf an sie stellt.
Mit großen Hoffnungen traten gestern vormittag alle Schützen an. Ununterbrochen peitschten die Schüsse. Nach dem großen Drei-Serien-Eröffnungsdurchgang blieben 320 Teilnehmer auf der Strecke. Nur eine Minderheit von 280 also vermochte sich im ersten Waffengang zu behaupten.
Im zweiten Durchgang heute morgen hatten die Schützen nur noch sechs Sekunden Zeit, um auf die sechs vor ihnen auftauchenden mannshohen Gestalten mit einer gezielten Salve zu reagieren. 170 von den Besten der Welt überstanden auch diese Runde. Unter ihnen die Favoriten Leutnant Kilman-Zois und Hauptmann Bruch, Deutschland. Als dann aber vorhin im dritten Durchgang die Zeit auf vier Sekunden verkürzt wurde, begann das große Sterben.
Die Meisterschützen, Männer mit langjähriger Kampferfahrung, wandern unruhig auf und ab, prüfen zum soundsovielten Male die Waffe, bis sie endlich aufgerufen werden. Einer nach dem anderen tritt vor, sammelt sich für die mörderische Anspannung, wartet auf das Feuerkommando, schießt und - scheidet aus.
Das ist grausam, aber es ist auch gerecht. Zum Schluß sind nur noch fünf übrig von den Besten der welt. Unter ihnen immer noch die beiden Deutschen, die ihre Nerven eisern beieinander haben.
Jetzt im vierten Durchgang erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Alles konzentriert sich auf diesen unerhörten Waffengang. Nur noch drei Sekunden werden die sechs Zielfiguren am Ende der Bahn erscheinen. Überall verstummt der letzte Laut. Totenstille einer großen Erwartung. Unruhig schwillt und flammt das olympische Feuer. Weich schmiegt sich die olympische Fahne im Windhauch um den Mast.
Leutnant Kilman-Zois muß vorlegen. Er tritt an den Start. Sein Blick, sein Gesicht wird mit einem Mal ganz starr. Ein Schatten fliegt darüberhin, verwandelt das Lächeln in den tiefsten Ernst, einen Ernst, der schon etwas Jenseitiges streift.
Das Kommando: Feuer!
Jetzt gilt nicht mehr sein eigener Wille, jetzt hat er zu gehorchen, jetzt schwebt eine dunkle Gewalt über ihm, die jeden Ungehorsam auf der Stelle ahndet. Das weiß der einsame Schütze. Er reißt sich zusammen. Seine Zeiteinteilung ist fabelhaft. Gleichtaktig wie aus einem Maschinengewehr peitschen die Schüsse über die Bahn. Genau mit dem letzten Schuß verschwinden die Zielgestalten.
Schon ist die Auswertung erfolgt. Der Lautsprecher verkündet: Sechs Treffer!
Spontaner Beifall auch der Rivalen. Kilman-Zois nimmt es gelassen auf. Aber das kann eine weitere Goldmedaille für Deutschland bedeuten. Freilich sind noch vier Meister am Start. Sämtlich Männer mit großer Kampferfahrung. Die Besten der Welt.
Unruhig wandern sie auf und ab, prüfen zum soundsovielten Male die Waffe, bis sie endlich aufgerufen werden. Einer nach dem anderen tritt vor, sammelt sich, wartet gespannt auf das Feuerkommando, schießt und - scheidet aus. Das heißt Gold für Kilman-Zois. Hauptmann Bruch kann einen ehrenvollen vierten Rang belegen.
Noch umwittert von der Glut des Kampfes schreiten die Besten der Welt auf das Siegerpodest zu und steigen die Stufen hinauf. Hinter ihnen die weiß gekleideten Mädchen des Ehrendienstes. Und der Lautsprecher verkündet: Achtung! Cérémonie olympique protocollaire! Olympische Siegerehrung.
Da verändert sich der Zuschauerraum. Die Menschenmassen erheben sich. Erst hier, dann da, dann überall. Es zieht wie ein gewaltiges Wogen über die Ränge. Die Nationalhymne zu Ehren des Siegers erklingt. Die Flagge steigt stetig am mittleren der drei Masten empor, dann folgen die Hymnen und Flaggen für den zweiten und dritten Sieger.
Nun überreichen die Mädchen des Ehrendienstes dem Olympiasieger Kilman-Zois eine golden glänzende Maschinenpistole. Er prüft die Waffe mit Kennerblick. Feuert eine Salve.
Nach und nach versickern alle Geräusche. Totenstille einer großen Erwartung. Unruhig schwillt und flammt das olympische Feuer.
Da tönt aus den Lautsprechern das Kommando: Vogel frei!
Und ein Schwarm weißer Tauben flattert durch das Stadion. Kilman-Zois fährt mit der MP ihren weitgezogenen Kreisen nach. Das Feuerkommando.
Als das Magazin der goldenen Waffe leergeschossen ist, schwebt eine Federwolke über dem weiten Oval des Stadions. Alle Tauben liegen als rotweiße Tupfer auf dem grünen Rasen. Spontaner Beifall.


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