Startseite   ·   Links   ·   Autor   ·   Impressum
Von Malthus bis zum Müsliman ('83)


Die Zäsur im ausgehenden 18. Jahrhundert fiel nicht zufällig zusammen mit der beginnenden Industrialisierung und der Biologisierung des Denkens.
1798 erschien das Buch eines englischen Geistlichen, das sogleich Furore machte und bis heute nicht aus der Diskussion verschwunden ist: An Essay on the Principle of Population, von T.R. Malthus, deutsch: Das Bevölkerungsgesetz.
Seine Kernthese lautet, die Bevölkerung wachse rascher als die Nahrungsmittelproduktion, zwangsläufig resultiere daraus ein Defizit: Hunger und Elend in der Welt seien die Folge.
Malthus behauptet also, Armut und Hunger, Krankheit und Krieg seien ebenso natürliche wie unabänderliche Ereignisse, gottgewollt oder naturgesetzlich wie Sturmflut und Hagelschlag.
Da weder königliche Dekrete noch Mehrheitsbeschlüsse etwas gegen veritable Naturgesetze ausrichten, verwarf Malthus konsequent die englische Armenfürsorge als verfehlt, ja, gefährlich; die Unterstützung führe letzten Endes zur Vermehrung der Bedürftigen, vergrößere mithin das Übel der Armut, statt es zu beheben.

Freilich blieb der Verkünder des Bevölkerungsgesetzes den Beweis für seine Thesen schuldig. Ohne wissenschaftliche Stichhaltigkeit aber ist Malthus' angebliches Naturgesetz - danach wächst die Einwohnerzahl in geometrischer Reihe, die Nahrungserzeugung nur in arithmetischer Reihe - am Ende bloß ein biologistisches Pamphlet, das im Dienst handfester Herrschaftsinteressen die Verantwortung für menschenunwürdige Verhältnisse an die Natur delegieren will. Trotzdem oder auch gerade darum ist Malthus' nur strategische Argumentation noch bis heute zu hören, jetzt besonders in der Diskussion der sogenannten Bevölkerungsexplosion in der farbigen Welt.
Verglichen mit dem Aufklärer und Revolutionär Condorcet, gegen den er im "Essay" polemisiert, war Thomas Malthus jemand, den die einen konservativ nennen, die anderen inhuman. Es ist nicht sicher, ob Charles Darwin das bedachte, als er über seine Evolutionstheorie sagte: »Sie ist die Malthussche Doktrin, angewandt mit zehnfacher Kraft.«
Faktisch übertrug Darwin die nachweislich falsche Erklärung englischer Slums auf die gesamte Lebewelt. Starke Vermehrung führe bei Pflanze und Tier wegen knapper Ressourcen zum Kampf ums Dasein und dieser zur Auswahl der Lebensfähigsten. Mit der Anleihe bei Malthus glaubte Darwin, seiner Theorie den letzten Schliff zu geben. Und sein Buch »Über den Ursprung der Arten«(1859) wurde denn auch ein Welterfolg. Sein Verfasser war genial genug, zugleich das wissenschaftliche System der Biologie und das politische System der Reaktion zu stabilisieren. Jedenfalls mittelfristig.
Das Naturgesetz vom unerbittlichen Existenzkampf war (neben Huxleys positivem Urteil) die wirksamste Empfehlung für die Abstammungslehre - in einer Zeit der Blut- und Eisen-Politik und des Hochkolonialismus, zudem in einer Zeit werktäglich rationaler Naturbeherrschung und sonntäglich inniger Naturanbetung.
Jenes Naturgesetz hatte den nicht zu unterschätzenden Vorzug, so einfach und so universal zu sein, daß man mit ihm ebensogut die Höhenunterschiede einer Landschaft hätte erklären können: die Höhen als stärkere Landschaftselemente im Kampf ums Niveau über NN.
Was Wunder, daß es seinerzeit Bestrebungen gab, die Philosophie durch die Biologie zu ersetzen. Warum aber die unsterblichen Einzeller eines Tages sich selbst nicht mehr genügten und zu Krebsen, Fischen und Säugetieren werden mußten, weiß bis heute niemand.

Der Darwinismus aber breitete sich in den westlichen Ländern mit gleicher Vehemenz aus wie das Eisenbahnnetz. Zur gleichen Zeit. Der Held, der da triumphierte, war im Grunde ein alter Bekannter. Es war der nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts gekleidete Fürstenbube Machiavelli. Die Arroganz der Macht, abermals legitimiert durch ein Jahrhundertwerk. Wissenschaft und Fortschrittsglaube, aber eben auch Rassisten und Militaristen, Nationalisten und Imperialisten profitierten.
Doch die Menge der Beispiele, welche die Verhaltensforschung nun für Kämpfe und Rangordnungen bei vielen Tierarten beschreibt, kann weder die direkte noch die strukturelle Gewalt rechtfertigen oder gar zur Norm erheben. »Das sogenannte Böse«, wie Konrad Lorenz, der Forscher jenseits von Gut und Böse, die Gewalt nennt, ist vor der Menschheit eben doch nur der Rückfall auf die Stufe der Barbarei.
Das ausdrückliche Bekenntnis zur Bestialität aber, das die Bücher verbrennenden Nazis nicht erst im Mai '33 in die Welt hinausbellten, angeblich »Wider den undeutschen Geist«, in Wahrheit gegen den Geist der Aufklärung in gut biologistischer Tradition, dies Bekenntnis war selbst vom Standpunkt der Biologie aus das Nonplusultra der Verkommenheit. Was hätte die äußerste Ferne zur menschlichen Vernunft dreister dokumentieren können als die Berufung auf den »gesunden Volksinstinkt« beim Aufruf zur Menschenjagd!
Als der Anführer der Mordordnung im September 1939 einen Brief von Gandhi erhielt, verstand er wahrscheinlich kein Wort. Wie sollte er auch? Die gestiefelte Hitlerclique wird allenfalls über die Weltfremdheit des »halbnackten Fakirs« (ein Wort Churchills) gewitzelt haben.
Nach dem totalen Krieg schwor man angesichts des Trümmerhaufens Deutschland laut dem Militär ab, spuckte in die Hände und baute wieder auf, bis mit dem Kriegsschutt auch die pazifistischen Beteuerungen weggeräumt waren.
Doch halt! Geht es hierzulande nicht recht eigentlich erträglich zu? Geht man nicht friedlich seinen Geschäften nach? Hat man nicht fast alles wieder aufgebaut bis zum Wirtschaftswunder? Und ist nicht die Erschließung des mediterranen Arbeitskräftereservoirs vollkommen einvernehmlich und organisch vor sich gegangen? Setzt man nicht auf das Gesundeste und Natürlichste von der Welt: auf Wachstum?
Allerdings. Wenn's zu sehr ins Kraut schießt, nennt man das Wuchern.
Nicht nur verbal folgt man so der bewährten Tradition biologistischer Ideologie. Auch die Prinzipien von Kampf und Auslese haben überlebt und krauten munter weiter, den Umständen angepaßt, versteht sich. In der sogenannten Marktwirtschaft ist oft von Wettbewerb und vom Unternehmerrisiko die Rede. Kein Thema, daß am Bau, im Labor, unter Tage und in der Gießerei ein paar Unfälle mehr vorkommen als in den Chefetagen und Bürohochhäusern. Ist nicht auch die Natur verschwenderisch und geht über Leichen? Was sind schon 15 000 Verkehrstote pro Jahr?
Was für Kosten das Wirtschaften nach Konkurrenzprinzipien verursacht, spielt eine Nebenrolle, solange es sich rechnet. Millionen werden gefeuert und, wenn's gut geht, vielleicht auch wieder angeheuert, Abstriche am Sozialhaushalt, an denen der alte Malthus seine Freude hätte.
Alles andere als freuen würde freilich den Erzfeind der Aufklärung, daß die Biologie nach 200 Jahren über sich hinausgewachsen ist zur Ökologie. Bei der unverminderten Faszination, welche die Biologie auch heute noch unter Experten wie Laien genießt, kann die Bedeutung dieser Wende im Denken kaum überschätzt werden. Statt dem Schlagetot weiterhin Schlagworte zu liefern, präsentiert die neue Sparte der Biologie heute die Rechnung für rücksichtslose Einfriffe in die Biosphäre, mahnt zur gemeinsamen Verantwortung aller für die Zukunft der Menschheit. Das neue Bewußtsein erfährt täglich neuen Schub. Beim Müsliman an der Ecke ebenso wie auf internationalen Symposien der Naturwissenschaftler (Klimaforschung z.B.) und auch durch die vom alten Gewaltsystem unentwegt produzierten Katastrophen. Die gezielten Aktionen von Greenpeace und die große Anzahl Bügerinitiativen zum Umweltschutz sind die Vorboten einer neuen Zeit. Die Natur bedient sich des Menschen gegen den Menschen, damit sie ihn nicht umsonst erfunden hat. Selbst das vierjährige Mandat ist bereits ins Gerede gekommen.
Wenn denn nun - 200 Jahre nach Kant - gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: nein.
Aber die Anstrengung lohnt sich wieder, mit der Überwindung des Biologismus durch die Vernunft der Ökologie.


<< mehr auf www.weltwissen.com

<< zurück