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Der Milgram-Schock ('83)


1963 erregte ein psychologieprofessor der yale-university aufsehen mit experimenten über autoritätshörigkeit.Was in der amerikanischen öffentlichkeit wie ein schock wirkte und international als Milgram-Experiment bekannt wurde, ist heute beinahe in vergessenheit geraten. Zu unrecht.
Stanley milgram simulierte im labor die denkbar einfachste hierarchische struktur: ein dreistufiges befehlsgefälle. Vom versuchsleiter über die versuchsperson zum helfer. Die abhängigkeiten dieser drei personen glichen denen in einer schule mit der üblichen rollenverteilung. Schulleiter, lehrer, schüler. Nicht von ungefähr.
"Zwei leute betreten ein psychologielabor, um an einer untersuchung über erinnerungsvermögen und lernfähigkeit teilzunehmen. Einer wird zum lehrer bestimmt, ein anderer zum schüler. Der versuchsleiter erklärt ihnen, daß sich die untersuchung mit den auswirkungen von strafe auf das lernen befaßt. Der schüler wird in einen raum gebracht, auf einen stuhl gesetzt; seine arme werden festgebunden, um übermäßige bewegungen zu verhindern, am handgelenk wird eine elektrode befestigt. Man erklärt ihm, daß er eine reihe von wortpaaren zu lernen habe und daß er bei jedem fehler einen elektroschock wachsender stärke erhalten werde." (Stanley Milgram)
Den lehrer (die versuchsperson) führt man in den hauptraum des experiments und läßt ihn vor einem eindrucksvollen schockgenerator platz nehmen. Die apparatur verfügt unter anderem über 30 waagerecht angeordnete kippschalter. Damit der lehrer zweifelsfrei weiß, was er tut, ist die skala der schalter nicht nur mit genauen voltzahlen beschriftet, sondern außerdem mit worten wie »leichter schock«, »mäßiger schock« und so weiter bis »gefahr! bedrohlicher schock«. Man erklärt dem lehrer, daß er den schüler im nebenraum einem lerntest zu unterziehen habe. Falls der schüler richtig antworte, solle der lehrer die folgende aufgabe stellen. Jede falsche antwort solle er mit einem stromschlag bestrafen, angefangen beim ersten kippschalter mit 15 volt. Nach jedem weiteren fehler müsse der elektroschock verstärkt werden, also auf 30, 45, 60 volt und so fort.
Da aber die imposante elektrische anlage eine attrappe war, traf der Milgram-Schock nicht den schauspieler, der den schüler mimte, sondern die amerikansiche öffentlichkeit. Niemand - weder experten noch laien noch auch milgram selbst - hatte erwartet, daß trotz eindeutiger rückmeldung durch den schüler rund zwei drittel der versuchspersonen bis zu tödlichen stromschlägen gehen würden, nur weil der versuchsleiter es im namen der wissenschaft empfahl.
Aufkommende zweifel des lehrers konnte der versuchsleiter leicht zerstreuen. Er brauchte nur zu sagen: "Sie haben keine wahl; bitte, machen Sie weiter!"
Was das us-amerikanische publikum so schockierte, war die experimentell nachgewiesene tatsache, daß die zur demokratie erzogenen us-bürger/innen offenbar ebenso für greueltaten auf kommando anfällig sind wie deutsche nazis. Vor dem experiment durchgeführte befragungen hatten die äußerst optimistische erwartung bezeugt, nur eine pathologische minderheit von ein, zwei prozent der versuchspersonen werde bis zum todesschock gehen.
Die erschreckende diskrepanz zwischen erwartung und wirklichkeit verlangt nach einer erklärung.
In mancher hinsicht erinnert das milgram-experiment in seiner wirkung an den skandal, den darwins schriften vor gut hundert jahren in england auslösten. Einen viktorianer ins tierreich zu komplimentieren, ihn in die nähe der affen zu stellen, war seinerzeit so empörend wie 1963 der versuch, einen guten amerikaner in die nachbarschaft der nazis zu rücken. Eben dies aber war durch das milgram-experiment geschehen.
Die allgemeine ratlosigkeit vertieft zu haben, ist das verdienst der neodarwinistischen verhaltensforschung. Sie erklärt die unerwartete gehorsamsbereitschaft schlicht für angeboren. Die wurzeln der fügsamkeit reichten weit zurück bis in das rangverhalten unserer primatenahnen, heißt es.
Tja, gegen so tiefes wurzeltum vermöchte wohl nur der jüngste sproß der biologischen wissenschaft im zuge der amtshilfe wirksam anzugehen: durch die vielversprechende genmanipulation.
Sobald die unmittelbare schockstarre nachließ, die aufregung der 60er jahre vorbei war, ging man rasch zur tagesordnung über, folgte man nur allzu bereitwillig dem spruch: "Sie haben keine wahl; bitte, machen Sie weiter!"
Wahrscheinlich waren zu viele bloß schockiert. Wahrscheinlich haben zu wenige das experiment ernst genug genommen. Andernfalls wäre etlichen betrachtern klar geworden, welche schlußfolgerungen die versuchsreihe nahelegt, welche handlungsanweisungen sie impliziert. Nein, nicht an jene herren denke ich, die ihre herrschaft über »1984« hinaus perfektionieren wollten; an jene anderen beobachter denke ich, denen womöglich aufgegangen ist, daß den versuch zu kennen bereits heißt, in ihn hineingezogen zu werden, zum beispiel in die rolle der versuchsperson, die sich entschlossen weigert oder aber zu gefügig bedauert, keine andere wahl zu haben als weiterzumachen - wie gehabt.
Das beste lehrstück für demokraten hat nach zwei jahrzehnten noch nichts von seiner ürsprünglichen brisanz und aktualität verloren.
Drei aspekte zur verdeutlichung:

a) die sache mit der sprache

Milgram schrieb, daß viele versuchspersonen mit dem leiter über ihre zweifel reden wollten. Das mißlang planmäßig, weil sie mit strategischen argumenten abgespeist wurden. Die versuchsanordnung, sprich: die hierarchie, ließ keinen raum fürs gespräch. Der versuchsleiter gebrauchte die sprache nicht als verständigungsmittel, sondern als steuerungsinstrument. Er nahm die versuchsperson als person nicht ernst, verwendet sie vielmehr zweckmäßig wie eine sache. Darin erweist er sich als unmensch, ehe überhaupt etwas geschehen ist.
Mangel an gesprächsbereitschaft und die tendenz zum sprachlosen funktionieren sind kennzeichen jeder hierarchie. Doch sprache und denken sind die herausragenden merkmale des menschen. Wo es an mitsprache und aussprache fehlt, fehlt der ausweis der menschlichkeit.

b) rückkopplung und distanz

Je näher die versuchsperson am opfer/schüler ist, je konkreter die rückmeldung also, desto größer ist der widerstand gegen befehle zum foltern und töten. Umgekehrt gehen praktisch alle versuchspersonen bis zum äußersten, wenn sie keinerlei rückmeldung erhalten (das opfer/der schüler unsichtbar und nicht zu hören ist).
(Es ist wohl noch zu früh und zu viel verlangt, die erste konsequenz zu begreifen: die distanzen müssen, sollen sie nicht unmenschlich bis mörderisch sein, drastisch verkürzt werden. Das wäre das ende des zentralismus, das ende aller flächenstaaten etc. Dezentralisierung heißt die devise.)
Für den politischen alltag ist die schlußfolgerung: Bürgerinitiativen, aufrufe, kundgebungen bis zum zivilen ungehorsam sind unverzichtbar in jeder herrschaftsgesellschaft. Jede einschränkung ist ein rückschritt auf dem weg in die primatenvergangenheit, kurz: ein bekenntnis zur bestialität. Lange vor auschwitz zeigten die nazis, wozu sie bereit waren. Sie wollten auf feedback möglichst verzichten (von den spitzeldiensten mal abgesehen). Kritik war ihnen verhaßt, galt als zersetzend. So verbrannten sie bücher, ehe sie menschen verbrannten.
Jede hierarchie neigt offen oder versteckt zu zensurmaßnahmen. Laut verfassung findet in der brd keine zensur statt. Doch diesen eminent wichtigen verfassungsauftrag zu erfüllen, fällt offensichtlich schwer.

c) beispielhafter ungehorsam

Wenn die versuchspersonen beobachten konnten, wie eine andere versuchsperson den gehorsam verweigerte, trotzten auch sie in 90 prozent der fälle den befehlen. Mit anderen worten, vor die wahl gestellt zwischen folterbefehl und ungehorsam, entscheidet sich eine große mehrheit für die menschliche alternative.
Dazu gibt es in der politischen wirklichkeit hierzulande eine interessante parallele. Jeder einberufene hat laut grundgesetz die wahl zwischen waffendienst und kriegsdienstverweigerung. Ein grundrecht, das aus bitterster erfahrung erwachsen ist. Angesichts der hohen verweigerungsraten ist die reaktion der regierenden erklärlich, denn hier wird staatliche autorität in frage gestellt. Nichtsdestoweniger ist die einschränkung des grundrechts durch die praxis der gewissensüberprüfung ein unentschuldbarer rückfall in die barbarei. Die demokratisch legitimierte autorität muß es sich gefallen lassen, radikal in frage gestellt zu werden. In dem maße, wie sie solche toleranz verliert, verliert sie ihre legitimation.

Gewisse autoren reagierten auf das milgram-experiment nicht nur stirnrunzelnd. Manche blinzelten und sagten: Der mensch ist eine fehlkonstruktion. Und fortan reden und schreiben sie den raschen untergang der ja doch nur auf leiden programmierten spezies herbei. Aus purem mitgefühl mit aller kreatur wollen sie die ganze biosphäre auf einen streich erlöst sehen. Das wäre dann der sinn der erfindung und massenproduktion der massenvernichtungswaffen.

Selbst milgram, der in so eindrucksvoller weise die auswirkungen der hierarchischen ordnung auf das menschliche verhalten analysiert und demonstriert hat, spricht von "einem fatalen defekt, den die natur uns menschen eingebaut hat und der auf lange sicht unserer art nur eine bescheidene überlebensschance läßt". Professor milgram stellt die vertikale gesellschaftsordnung nicht in frage, wohl aber den menschen, die versuchsperson. Zufall?
Oder handelte der herr der wissenschaft mutatis mutandis nicht zugleich so wissenschaftshörig wie seine lehrer und so autoritär wie seine versuchsleiter? Traktierte der mann seine versuchspersonen und die öffentlichkeit nicht mit peinlichen schocks unter berufung auf die wissenschaft? War es da zufall, daß milgram wie die schockierte öffentlichkeit seine ganze aufmerksamkeit dem fehlbaren individuum zuwandte, diesem eine höchst beunruhigende, ja, in ihren konsequenzen verbrecherische veranlagung bescheinigte, dabei aber den spezifisch menschlichen aspekt der bereitschaft zur zusammenarbeit und verständigung geflissentlich ausklammerte, den der hündischen unterwürfigkeit aber herauskehrte?
Den kriminellen balken im eigenen auge übersieht er, den moralischen splitter im auge des andern beklagt er. Vielleicht ein verzeihlicher fehler milgrams, aber ein gravierender fehler.
Darum sagt milgram nicht, kann er nicht sagen, sein experiment habe ein für allemal bewiesen, daß die hierarchie die ordnung des unmenschen ist, die wolfsordnung, die mordordnung.
Darum sagt der große forscher nicht, daß die hierarchische organisation die menschliche veranlagung zur zusammenarbeit und verständigung mißbraucht und entstellt.
In einem populärwissenschaftlichen buch mit hoher auflage (Time-Life) kann man lesen: "Jede Organisation braucht einen Chef... Es muß jemanden geben, der entscheidet, wer was zu tun hat, wer wem Weisungen erteilen darf und wann was zu geschehen hat... Es muß einen Mann [sic] an der Spitze geben, dem die anderen gehorchen."
Geheiligt durch die urverwandtschaft mit der ordnung der wolfsrudel und affenhorden, gesegnet durch tausendjährige traditionen der kasernen, kirchen und kanzleien, lebt die hierarchische struktur scheinbar ungebrochen fort, scheinbar zeitlos wie ihre frühesten projektionen, die pyramiden in der ägyptischen wüste.
Es ist wie im märchen von »des kaisers neuen kleidern«. Spätestens seit dem milgram-experiment hat alle welt die moralische verblödung des systems nackt vor augen, aber die große mehrheit übt sich stur in struktureller blindheit.


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