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Die vorgeschützte Sicherheit ('79)


Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung
wider die Stürme des Lebens.
G. C. Lichtenberg


Alle lebewesen sind vom tode bedroht, sie sind sterblich. Diese binsenweisheit zieht die andere nach sich, daß das verlangen nach schutz, geborgenheit und sicherheit zu den menschlichen grundbedürfnissen gehört. Der Große Brockhaus 1956: "Sicherheit ist ein Bedürfnis insbesondere der gesitteten Gesellschaft."
Beängstigende aktivitäten, einrichtungen und situationen rufen bei sehr vielen menschen bereits angst- und fluchtreaktionen hervor, selbst wenn unmittelbar keine gefahr im verzuge ist. Oft genügt es schon, daß von tod und terror lediglich die rede ist. Durch kollektive erfahrung können einzelne worte und wendungen emotional so stark aufgeladen sein, daß sie peinlich gemieden und so schließlich aus dem wortschatz, das heißt aus dem kollektiven gedächtnis verdrängt werden.
Ein beispiel hierfür ist die untergegangene bezeichnung für »gift« im heutigen wortsinn. Gift hatte ursprünglich die noch im wort ?mitgift? bezeugte bedeutung ?gabe?. Der verhüllende ausdruck klang, als er noch neu war, nicht nur harmlos, wo es einem ans leben ging, er evozierte unbesehen sogar freundliches nach dem motto: Geben ist seliger denn nehmen.
Die mechanismen, die am ende beschönigungen, euphemismen hervorbringen, sind heute keineswegs außer kraft. Sie werden allerdings überlagert und verzerrt von bewußten eingriffen in den wortgebrauch in form massenpsychologisch fundierter sprachlenkung durch bestimmte interessengruppen. Werbefachleute und politniks verwenden todsicher einen beschönigenden ausdruck, wo es sich um eine heikle sache handelt.
Zur verschleierung lebensbedrohlicher unternehmungen bieten sich im deutschen die grundwörter »schutz« und »sicherheit« besonders an. Die unleugbar magische wirkung, die von ihnen ausgeht, beruht auf der richtigen mischung angstauslösender und angsthemmender komponenten, wobei freilich der beruhigungseffekt klar dominiert. All jene, bei denen die verbale »schutz«-impfung anschlägt, sind fürs erste oder sogar auf dauer immun.
Zur zeit des letzten kaisers hießen die deutschen kolonien »schutzgebiete«, ein schmuckes mäntelchen für die gewonnenen planquadrate imperialistischer ausbeutung. Aus derselben sprachretorte destillierte man den verwandten ausdruck »schutztruppe« für die hoheitlich sanktionierte killerorganisation, die zum beispiel in Deutsch-Südwest den Hererostamm heldenhaft dezimierte.
Als kaiser und krieg schon etwas in mißkredit geraten waren, steckte die neue regierung zurück und nannte das kaiserliche kriegsministerium bescheidener »reichswehrministerium«. Das wort »reichswehr« erinnert an abwehr und feuerwehr, wenngleich es weit angemessener wäre, an das »gewehr« zu denken. Zum einen, weil diese waffe das unerläßlichste utensil der reichwehr war, zum anderen, weil das wort »gewehr« eine aufschlußreiche bedeutungsentwicklung erfahren hat. Im althochdeutschen stand »gewehr« abstrakt für »verteidigung, abwehr, schutz«, später erst ganz konkret für die waffe.
Es versteht sich beinahe von selbst, daß nach dem bedeutungswandel die neuere wortgeschichte einen schönen beleg bietet für das, was tradition und technischer fortschritt gemeinsam zu leisten vermögen. Gegen das »seitengewehr«, sprich: säbel, des 17. jahrhunderts ist das »maschinengewehr« von heute eine waffe, die ein vielfaches an »sicherheit« und »schutz« produziert.
Da das militär bis auf den namen des zuständigen ministeriums erhalten geblieben war, brauchten die nazis 1934 nur das etikett zu ändern, das bezeichnete ordentlich aufzumöbeln und mit dem gewohnten erfolg einzusetzen.
Die nazis taten sich nicht nur durch aufrüstung, autobahn und olympische spiele hervor, ebenso tüchtig reglementierten sie die sprache für ihre zwecke.
Wer seinerzeit in »schutzhaft« genommen wurde, war dem schutzbedürfnis des staates schutzlos ausgeliefert. »Schutzhaft« hieß nach lage der dinge meist folter und tod in einem »konzentrationslager«, auch dies ein schutzwort. In den händen der »schutzstaffel«, meist abgekürzt zu »SS«, lag die organisierte vernichtung von millionen menschen.
Die kontinuität der schutzwortschöpfungen von der kaiserlichen »schutztruppe« bis zur faschistischen »schutzstaffel« ist wortgeschichtlich kaum mehr verblüffend, erstaunlich nur, mit welch billigem wortaufwand die herrschenden auskamen, wo es galt, eindeutigen völkermord vor der öffentlichkeit zu kaschieren, wohl auch vor dem eigenen gewissen.
Neulich hörte ich, daß für den »katastrophenschutz« an gerichten und bei anderen behörden »schutzstaffeln« aufgestellt werden sollen. tja, sprachgefühl war noch nie die stärke der verwalter.
Die kriegsbegeisterung der deutschen hatte durch kriegseinwirkung gelitten. Dem trugen die väter der verfassung rechnung, als sie das recht auf kriegsdienstverweigerung im grundgesetz verankerten. Der durch verfassungsänderung später eingeplante »verteidigungsminister« treibt, anders als der alte kriegsminister keine kriegsvorbereitungen. Er deckt lediglich den bereich der »sicherheitspolitik« ab. Freilich ist auch ein verteidgungsminister bereit, angriffswaffen und abschreckungsstrategien in kauf zu nehmen, um „den Frieden sicherer zu machen“, versteht sich, und natürlich kann auch ein verteidigungsminister auf höchste einsatzbereitschaft und größtmögliche kampfkraft nicht verzichten. Wie denn sollten die »streitkräfte« anders imstande sein, „Sicherheit zu produzieren“? Und selbstverständlich ergibt sich schon aus finanziellen erwägungen die notwendigkeit, zur ausrüstung der eigenen streitmacht eine eigene rüstungsindustrie im lande zu haben. so können durch waffenexporte die immensen kosten der verteidigung deutlich kompensiert werden.
Sicher müssen sich kriegsddienstgegner im zweifelsfall mit dem mißtrauen des ganzen gemeinwesens abfinden, »wehrdienstverweigerer« müssen sich, wo es um die selbstverständliche pflicht zur »landesverteidigung« geht, darüber hinaus den verdacht der verfassungsfeindlichkeit gefallen lassen. Man muß es nur recht begreifen, das große wort von der »schule der nation«, das die bildungsanstalten etwas blaß aussehen läßt, die einübung in befehl und gehorsam sowie in die handhabe der neuen mordinstrumente aber gesellschaftlich hebt. Der »bürger in uniform« ist ohne zweifel wieder ein ehrenwerter mann.
Nur wenig unterscheidet ihn noch von den »sicherheitskräften«, die für unser aller »innere sicherheit« einstehen: »schutzpolizei«, »bindesgrenzschutz«(inzwischen umbenannt in bundespolizei), »verfassungsschutz«, »zivilschutz« usw.
Daß ein »schutzmann« einmal einen studenten erschoß, der in berlin gegen den besuch des schah von persien demonstrierte, ist doch wohl kein hinreichender grund, die uralte wortverwandtschaft zwischen »schützen« und »schießen« an den haaren herbeizuzerren.
Trotzdem, es steckt unbestreitbar eine gewisse logik in dem satz: Ohne schuß kein schutz. Und seien es auch nur kameraschüsse, mehr oder weniger unauffällig abgedrückt von unseren wachsamen grenz- und verfassungsschützern.
Ganz ohne schußwaffen vermochten wohl nur britische polizisten bis jetzt ihren dienst zu tun, ohne ihre eigene und die autorität des staates aufs spiel zu setzen.
Im kybernetischen zeitalter konnte einerseits die effektivität der »sicherheitsorgane« gewaltig gesteigert werden, andrerseits kommt es in letzter zeit immer häufiger vor, daß einezelne abteilungen der im »sicherheitsbereich« tätigen gegen anschuldigungen aus der bevölkerung in schutz genommen werden müssen, sie hätten illegal in grundrechte eingegriffen und zum beispiel den »datenschutz« mißachtet. Die derart lauthals klageführenden sollten sich darüber im klaren sein, daß a) übergriffe in ausnahmefällen unvermeidlich sind und b) durch öffentliche klagen die »sicherheitsorgane« womöglich empfindlich in ihrer unentbehrlichen arbeit beeinträchtigt werden, daß schließlich c) alle »vertrauenbildenden maßnahmen« auf diese weise zunichte gemacht werden. Dies alles muß weite teile der bevölkerung verunsichern, so daß verstärkte und kostspielige »sicherheitsvorkehrungen« getroffen werden müssen.
Vom wasser haben wir's gelernt, daß »naturschutz« stets der realität hinterherläuft. Warum sollte es beim »datenschutz« anders sein? Die existenz der »wasserschutzgebiete« impliziert ja doch, daß anderswo der chemischen zersetzung ziemlich freier lauf gelassen wird. Fragen Sie doch mal die fische!
Oder nehmen wir den neueren »umweltschutz«. Als nach der mechanischen zerstörung der meisten biotope der zivilisierten welt der fortschritt die chemisch-radioaktive vergiftung der ganzen erde in aussicht stellte, begann zaghaft die ökologische bewegung. Heute unterscheiden sich die legalen maßnahmen zum »umweltschutz« von den forderungen der kraftwerksstürmer durch, sagen wir, zurückhaltung. Bis vielleicht irgendwann einmal zehntausende pro jahr hierzulande durch radioaktivität umkommen wie jetzt im straßenverkehr, können sicher noch zig sichere atomkraftwerke den betrieb aufnehmen. Nach harrisburg wird man ganz ohne frage noch einmal alle sicherheitsrelevanten fragen gründlich überdenken und der sicherheit der bevölkerung in jedem fall priorität einräumen. Den ausbau der atomindustrie jedoch im gegenwärtigen stadium stoppen zu wollen, wäre unrealistisch; genau so radikal und unrealistisch wie der ruf nach dem »sicherheitsauto« es war. Realpolitik setzt nicht auf das sichere verkehrsmittel; sie begnügt sich maßvoll mit vorschriften betreffend das »sicherheitsglas«, den »sicherheitsgurt«, den »sicherheitsabstand«, und sie genehmigt beizeiten höhere »versicherungsprämien« und bußgelder.
Entsprechend dem allgemein gestiegenen »sicherheitsbedürfnis« läßt es die legislative auch nicht an gezielten »sicherheitskontrollen« fehlen. Und nicht zuletzt verdanken wir den fürsorglichen gesetzgebern ein ganzes »netz sozialer sicherheit«, in dem wir uns wiegen können wie in einer hängematte. Sollte diese netz wirklich einmal reißen, so wird sich spätestens dann zeigen, daß es einen doppelten boden hat. Wir haben allen grund, vertrauensvoll in die zukunft zu blicken. Über uns wölbt sich wie der blaue himmel das supranationale »sicherheitssystem«. Mit unserem land können wir uns sonnen in der genugtuung, in der »konferenz für sicherheit und zusammenarbeit in europa« und rückblickend sogar im »weltsicherheitsrat« den frieden in der welt sicherer gemacht zu haben. Wir dürfen hoffen, daß es bei immer strebendem bemühen eines tages gelingt, absolute sicherheit zu gewinnen durch die »sicherstellung« des »unsicherheitsfaktors mensch«.
Wie lautet doch die volksweisheit: Der kluge mann schützt vor. Der kluge staat nicht minder.


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