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Babylonische Bauchrede ('79)


Das von den Vereinten Nationen ausgerufene »Jahr des Kindes« ('79) ist ja eine schöne bescherung. Es überrascht den gesunden menschenverstand ebenso wie den solid realpolitischen instinkt.
Mit unsern kindern können wir uns jedenfalls sehen lassen. Alle welt schaue nur her! Hänsel und Gretel lungern nicht in lumpen, sie hungern und frieren nicht, erfreuen sich vielmehr eines breit gefächerten bildungsangebots. Natürlich gibt es auch bei uns ein paar probleme. Wo gäbe es die nicht?
Da kann einem der common sense flüstern, was für einen störfaktor die heranwachsenden im gesellschaftlichen kräftespiel darstellen; die objektiv und landesweit operierenden bevölkerungsstatistiker melden indes just zur selben zeit einen unheilvollen geburtenschwund bis tief in die roten zahlen; zu der unbestreitbaren tatsache, daß kinder überall unruhe und unordnung stiften, gutnachbarliche beziehungen trüben, wohnungs- und andere einrichtungen im wert mindern, den straßenverkehr und den schulunterricht stören, kurz: zu der erfahrung, daß kinder sehr viel geld und nerven kosten, gesellt sich die laut geäußerte befürchtung, man werde die geburtenstarken jahrgänge schwerlich mit einem entsprechenden arbeitsplatzangebot auffangen können.
Das spricht für entbehrliche quantitäten. Genau wie der westdeutsche weltrekord im kinder-überfahren. Wo es von kindern wie von igeln nur so wimmelt, werden ihrer halt unausweichlich manche »übergebügelt« oder »plattgemangelt«.
Allein, es will zum weltmaximum der auf unseren straßen getöteten kinder nicht das weltminimum der geburtenrate passen. Der brave common sense stößt an seine grenzen.
Dankenswerterweise haben die persönlichkeiten des öffentlichen lebens den gesunden menschenverstand längst als untaugliches mittel zur lösung der anstehenden probleme ausgemustert. Aus einem gesunden mißtrauen gegen das immer irgendwie weichlich zur entschuldigung tendierende verstehen klammern die großen macher solch unangemessen-menschliche schwäche aus; sie halten sich an die harten fakten und exakte verfahren. Für die kühlen köpfe geht es allein darum, die schwache zeugungsbilanz zu verkraften. Empfindlich reagieren sie auf die mechanik des mehr oder minder. Eingeübt in männliche muskelsprache, die strotzt von produktivkräften und glänzenden bilanzen, von pferdestärken und schubkräften, von arbeitskräften und kraftwerken, von der schlagkraft der streitkräfte, schließlich vom kräfteverhältnis der weltmächte und eben jetzt auch von der lebenskraft der nation, gemessen an der kinderzahl, mit anderen worten: An kraftakte gewöhnt, haben die verantwortlichen der bildzeitung und des bundestags gleich nach bekanntwerden der sehr alarmierenden zahlen das ihre getan, sich keineswegs mit aufrufen zum umdenken begnügend, sondern handfeste maßnahmen ins auge fassend und gezielt gegensteuernd. Nur ein beispiel für viele: In Berlin können junge paare das ehestandsdarlehen »abkindern«, das heißt, bei erfüllung des kindersolls erlischt das schuldenkonto.
Am entschiedenen willen der offiziellen zu einer aufwärtsbiegung der geburtenrate verbietet sich der leiseste zweifel. An der wirksamkeit der eingeleiteten maßnahmen sind freilich nicht nur erlaubt, sondern geboten. Die babybaisse in der BRD hält an.
Auf diesen mißstand im Jahr des Kindes angesprochen, setzte die leiterin der bundesdeutschen sektion bei den Vereinten Nationen ihre ganze hoffnung auf eine landesweit durchzuführende kampagne mit dem ziel, jungen leuten wieder mut und neuen glauben an eine gute zukunft einzutrichtern. Wie gesagt, die zu spitzenkräften entfalteten persönlichkeiten unseres öffentlichen lebens haben dem gesunden menschenverstand ein für allemal abgeschworen. Und das ist gut so. Denn hätten sie das nicht getan, dann wäre die dampfige materie womöglich zu der einsicht kondensiert: Die BRD gehört zu den führenden industrienationen. Selbst etliche europäische länder sind vergleichsweise ziemlich zurückgeblieben. Oder andersherum: So primitive verhältnisse und so primitive menschen, wie man sie anderswo noch antrifft, werden in unserem wirtschaftlichen musterland zu raritäten.
Primitive verhältnisse: das sind brüderlichkeit, mütterlichkeit, väterlichkeit, freundlichkeit.
Primitive menschen: das sind kinder.
Wie anderswo indios und indianer, aborigenes und inuit, so dezimiert der fortschritt hier die kinder und exiliert sie in eigens für sie geschaffene reservate.
Das problem, das immerhin gestreift wird, heißt nicht: Wie sollen die an spitzenleistungen bei der produktion toter und tödlicher dinge verdienenden bundesbürger begreifen, daß sie in der kinderproduktion international kläglich versagen; das problem ist vielmehr: zu erklären, warum die vielen auf höhere geburtenraten zielenden maßnahmen der offiziellen stellen noch immer nicht greifen.
Bei mir reicht es leider nur zu einem verdacht, wenn ich den dicken duden aufschlage und darin ein paar schimpflemmata ganz ohne entsprechende vermerke finde wie etwa »salopp« oder »derb«; der tierische schimpf gilt nicht den dafür bekannten tieren, sondern den lieben kleinen. Zum beispiel »kindisch«, »kinderei«, »kindskopf«.
Die sprachproduktivität der großen entzündet sich an der schier unerträglichen und unbegreiflichen unproduktivität der nachkommen.
Nun, inzwischen verbucht man und verrechnet die nichtsnutzigen jahrgänge als notwendige investition. Doch bleibt es dabei, daß eines erwachsenen umgang mit dem verkindschten kegel tunlichst zu meiden ist, allenfalls wenige minuten pro tag nicht überschreiten sollte; er könnte, höre ich ein tennisass sagen, einem sonst den schlag verderben.
Aber, frage ich mich, was wollte der psychologieprofessor nur mit dem rat an die adresse der studentinnen sagen, sie sollten sich, falls überhaupt, für den männlichen bewerber entscheiden, der spielen könne?
Mein verdacht bekommt ein paar klare konturen, wenn ich unter dem stichwort »aus kindermund« die erläuterung lese: »possierlich, drollig, putzig, herzig«. Aha, das Lorenzsche kindchenschema dudendeutsch.
Muß ich daraus schließen, dudendeutsche hätten kein ohr für die herzigen, putzigen, drolligen, possierlichen sätze der »Kinder vom Bahnhof Zoo«?
Aber duden-und kindersprache sind nicht ein und dasselbe. Man weiß ja, wie hübsch proportional mit dem entwicklungsstand einer gesellschaft die kommunikation in ihr gestört ist. Daß sich das volapük der experten von der mundart der kinder unterscheidet, versteht sich.
Mein verdacht verdichtet sich zu der these, daß die normsprecher, die erwachsenen dudenvorbilder, nicht das geringste interesse daran zeigen, was kindermund spricht. Ihre aufmerksamkeit konzentriert sich ganz auf das andere den kommunikationsprozeß konstituierende organ: das ohr. das interessiert sie geradezu brennend. Wo das deutsche den erwachsenen »mündig« nennt, hat ein kind den mund zu halten, zugleich aber ein offenes ohr zu haben für die sprüche der mündigen. »Wer nicht hören will, muß fühlen.«
Ein artiges kind weiß, was sich »gehört«; es »gehorcht«.
Wer ohren hat zu hören, wird nicht gleich die militärisch belasteten begriffe »befehl und gehorsam« bemühen; vielleicht redet jemand stattdessen vom sozialgehalt des kausalitätsprinzips. Ein kind, das sich vorübergehend taub stellt, verhält sich grundsätzlich ähnlich wie ein auto, das nicht anspringt. In der situation bieten sich »Ohrfeigen« als hilsmittel an; sie haben sich bewährt neben anderen aus der alltäglichen praxis geronnene kniffe, den auditiven apparat bei akutem ausfall rasch wieder in gang zu setzen.
Um nicht mißverstanden zu werden: Auch wir lehnen die prügelstrafe selbstverständlich ab. Doch der schwedische verzicht auf eine so erprobte möglichkeit der klarstellung wie die ohrfeige wird sich am ende als ein typischer übersetzungsfehler im jahr des kindes herausstellen.
Was würde denn aus deutschland werden, wenn das gute alte züchtigungsrecht der eltern nicht mehr den maßnahmen der öffentlichen hand zuarbeitete!
Zugegeben, ich selbst bin viel zu volljährig und folglich zu sehr partei, um an der erreichten ausgewogenheit zwischen höriger kindheit und mündigem alter etwas ändern zu wollen. Doch wenn ich werdenden eltern begegne, weiß ich nicht, wie mir geschieht, daß ich's nicht lassen kann, ihnen dringend zu raten, nur ja nicht gleich einen kinderwagen zu kaufen, sondern ihr baby mit sich herumzutragen wie traditionell japanerinnen, afrikanerinnen, inuitmütter etc., damit der mund der kleinen möglichst nah am ohr der großen sei. Vielleicht brauchen sie dann später keinen dolmetsch für minderjährigensätze wie etwa: Ich wollt', ich wäre nie geboren.
Nach lage der dinge müßte schon ein neuer Gulliver her, besser noch ein geisterseher,der im schamanenwahn die welten überwindet, die zwischen topmanagement und kinderspiel liegen. So ein wanderer zwischen den welten könnte womöglich sogar die worte der ungeborenen deuten und in deutliches deutsch übersetzen.
Würden wir aber den botschafter ernst nehmen, wenn er statt von alterspyramiden und demografischem wandel von seelen redete, die sich fürchten, als Hänsel und Gretel zur welt zu kommen, wo die großen so wenig für die kleinen übrig haben wie im märchen, wo lächelnde unbekannte die arglosen kleinen in enge einrichtungen locken wie laufställe, schulen und kasernen und dabei stets bekennen, daß sie »Ein Herz für Kinder« haben?
Wir müssen wissen, dass die ungeborenen überall gegenwärtig sind. Sie kennen sich aus bei uns, in unseren märchen so gut wie in unseren alpträumen.


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