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Ausgeschaltet und entsorgt ('78)


Offenbar gibt es eine spezies, die den namen homo administrans verdient, zu deutsch: verwaltungsmensch. Nach dem Parkinson'schen gesetz breitet sich die art unaufhaltsam aus. Doch nicht überall tritt die betroffene bevölkerung den expansiven wesen mit lauter sympathie entgegen.
E.F.Schumacher versucht, die unstimmigkeiten und mißverständnisse zwischen den verwaltern und den verwalteten so zu erklären:
"Selbst wenn die von einer Bürokratie abgefaßten Vorschriften außergewöhnlich menschenfreundlich sind, möchte niemand von Vorschriften regiert werden, das heißt, von Menschen, deren Antwort auf jede Beschwerde lautet: »Ich habe die Vorschriften nicht gemacht, ich halte mich an sie.«
Deutschlehrer sind verwaltungsmenschen, denen nachgesagt wird, sie vermöchten es, zugleich grammatik und lyrik zu verwalten und obendrein, was ungleich bewundernswerter ist, die qualität des schülerdeutsch mit dem lineal der landesüblichen notenskala von 1 bis 6 oder 1 bis 15 zu quantifizieren, deutsch: zu vermessen.
Mein deutschlehrer hatte die angewohnheit, pünktlich mit dem klingelzeichen in die klasse zu treten und sogleich forsch sein auf handlichen karteikarten festgelegtes stundenpensum abzuwickeln. Dem stand entgegen, daß immer ein paar schüler den anschluß verpaßten, so daß der mann in schöner regelmäßigkeit seinem unmut luft machte mit dem aufruf: "Umschalten!"
Ich will nicht ausschließen, daß unter gewissen voraussetzungen der unpersönliche infinitiv auch schon mal durch die persönliche anrede ersetzt wurde: "Schalten Sie um!"
Wo das nicht half, lag wohl ein methodischer fehler vor. Denn umschalten unterstellte ja, daß etwas schon oder noch eingeschaltet war. Nicht wenige schüler aber brachten es beachtlich weit in der fertigkeit, vorübergehend oder stundenlang ganz abzuschalten. Vielleicht hätte der unterrichtsbeamte besser daran getan, erst einmal »Einschalten!« anzuordnen, bevor er den nächsten hebel betätigte.
Daß die pflichtbewußte lehrkraft schaltete und waltete, als wären wir schüler elektrotechnisches gerät, werden ihr gewiß nur mimosenartige vorwerfen. Man muß den unterrichtsauftrag des lehrkörpers im blick haben, muß sich vergegenwärtigen, daß jede unterrichtsstunde von einer elektrischen klingelanlage exakt ein- und ebenso exakt ausgeläutet wird, um zu erfassen, wie zweckdienlich und sachgemäß die aufforderung an uns schüler erging. Sie lief, nüchtern funktionell betrachtet, auf die verbale wiederholung des verbindlichen klingelsignals hinaus; auf einen appell von bestechender klarheit; auf eine maßnahme, die den leistungserfordernissen des modernen schulbetriebs nur gemäß war.
So oder ähnlich dürfte jedenfalls Hildegard Wagner sprachkritische einwände gegen den pädagogischen gebrauch besagter vokabel zu entkräften versuchen. In ihrem buch »Die deutsche Verwaltungssprache der Gegenwart« hat die autorin eine klare trennlinie zwischen wissenschaftlicher und wertender sprachbetrachtung gezogen. Im dienst der sache der deutschen amtsschreibe stellt frau Wagner dieselbe niemals in frage, sondern findet recht und billig, was wie auch immer sachlich bedingt, zweckmäßig und erforderlich ist unter den bedingungen gegenwärtiger verwaltung.
Das pädagogische kommando meines ehemaligen deutschlehrers paßte sich wie dargetan harmonisch ein in die etablierte schulverwaltung und hatte daher, schließt man mit frau Wagner, erwiesenermaßen seine berechtigung.
Als schüler hatte ich zwar jedesmal ein ungutes gefühl, wenn es wieder »Umschalten!« hieß; aber inzwischen reifer geworden und linguistisch gewieft, weiß ich und tröstet mich noch im nachhinein, daß mich seinerzeit lediglich außersprachliche faktoren hinderten, unmittelbar einzusehen, wie ?zweckmäßig? und ?angemessen? jene unliebsame vokabel doch eigentlich war.
Also geläutert lese ich den satz:
"Wenn in der gegenwärtigen Sprache der Öffentlichkeit, auch der Verwaltung, eine sachliche, unpersönliche und abstrakte Sprechweise hervortritt, so kann daraus nicht gefolgert werden, daß die menschliche Person mißachtet und dem Funktionieren des Apparats untergeordnet werde."
Frau Wagner sprach's und aus ihrem munde die wissenschaft.
Dolf Sternbergers aber und Karl Korns moralistische zwischenrufe sind unvereinbar mit der disziplin der sprachwissenschaft.
Nein, wozu würde das aber auch führen, wenn deutsche deutschlehrer anfingen, ihre schüler zu belehren über den »Untertanenfall« nach den verben mit präfix ?be-??
»Akkusativierung« klingt doch schon weit wissenschaftlicher. Am besten spräche man natürlich deutsch vom so und sovielten fall.
Die thesen eines amtlich geprüften wissenschaftlers strahlen eine ungemeine beruhigung aus, ja, zuweilen sogar heiterkeit und weisheit.
In so gefestigter verfassung begegnete ich neulich dem heimischen bildschirm, der wie gewöhnlich beruhigend zwinkerte.
Der herr innenminister berichtete über die ereignisse in Mogadischu. Er sprach ganz ruhig. Doch dann geschah das für mich beunruhigende, wenngleich es wohl eher beruhigend gemeint war. Der minister gebrauchte ein alltägliches wort. Er sagte, die terroristen an bord der entführten lufthansa-maschine wurden »ausgeschaltet«. Nicht getötet, nicht tödlich getroffen, nein, »ausgeschaltet«.
Und der mann sprach das schaltwort dreimal nacheinander in den strauß der mikrophone. Für jeden getöteten terroristen gesondert, wie es der hergang an bord befahl.
Ausgeschaltet, ausgeschaltet, ausgeschaltet. Dort stand jemand an den schalthebeln der macht und schaltete drei lebenslichter aus. Keine großen leuchten gewiß, eher irrlichter. Doch es geht hier nicht um die frage, unter welchen umständen oder ob überhaupt töten erlaubt sei. Das wort in dieser situation, das stereotyp wiederholte wort des ministers hat mein sprachgefühl eingeschaltet.
Ist der ausschaltende minister nicht aus dem gleichen holz wie mein umschaltender deutschlehrer? Und hat nicht derselbe innenminister vor einiger zeit nachrichtendienstliche mittel eingeschaltet, so daß ein gesetzestreuer atomphysiker (Klaus Traube) beinahe ausgeschaltet worden wäre?
Nicht wahr, derlei fehlschaltungen lassen sich nicht ganz ausschalten?

Damit ich nicht mißverstanden werde: Nicht das allerweltswort ?schalten? mit seinen diversen vorsilben gibt mir zu denken. Auf den kontext kommt es an. Was im technisierten alltag banal klingt, wird durch die übertragung in den verwaltungsbereich ethisch bedenklich. Anders als der reine linguist kann ich mich nicht auf die grenzen der disziplin ausreden, muß vielmer der beunruhigung durch das wort nachgehen. Wohin das führt?
Die Saussure'sche auffassung vom systemcharakter der sprache legt es nahe, die sprache als subsystem im übergeordneten system der gesellschaft zu sehen. Was sagen denn all die beteuerungen der wissenschaftler, die sich vom »Wörterbuch des Unmenschen« herausgefordert glaubten und in lauter synonymen wie "sachliche Bedingtheit, Zweckmäßigkeit, Angemessenheit, Notwendigkeit und Funktionsfähigkeit" die verwaltungssprache verteidigten, als daß die struktur der verwaltungssprache sich nahtlos einfügt in die struktur der verwaltung?
Dolf Sternberger hat diesen innigen zusammenhalt gesehen und zu recht betont: »Immer stehen mit der Sprache die Verhältnisse zur Verhandlung.«
Doch gegen solch entschiedenes abklopfen der amtssprache auf unzumutbarkeiten galt es beizeiten einzuschreiten. Das mehr oder minder atomistische beweisverfahren der sprachkritiker machte es den professionellen linguisten allzu leicht, anhand einzelner beispiele zumindest den eindruck zu wecken, daß der oder die sprachkritiker nichts bewiesen habe/n als persönliche idiosynkrasien. Von der sprachkritik blieb nicht viel mehr übrig als eine geschmacksfrage mit dem sprichwörtlichen angebot an streit.
Heute bleibt den am damaligen disput beteiligten sprachwissenschaftlern der vorwurf nicht erspart, daß sie selbst allzu unempfindlich waren für die gesellschaftlichen implikationen ihres tuns. Sie fühlten sich behaglich zuhause in ihrer wissenschaft, spürten dabei nicht ?das unbehagen in der kultur?, einer kultur, deren auffälliges merkmal der verwaltungsfortschritt ist. Für Peter von Polenz wahrscheinlich eine selbstverständlichkeit, zumindest kein hinreichender grund, nachdenklich zu werden. Auch er rechtfertigte, weil er blind war für die gigantische einrollbewegung der verwaltungen, das amtsdeutsch als zweckentsprechend.
Noch einmal: Mich beunruhigt nicht, wenn jemand ein gerät ein- oder ausschaltet und davon die rede ist; aber müßte es denn nicht jede/n erschrecken, mit welcher selbstverständlichkeit die funktionäre und verwalter personen ein- und ausschalten, nicht nur in Mogadischu, nicht nur in der schule, nicht nur in der DDR?
Ein großer verwaltungsapparat ist nach herkunft und bestimmung ein herrschaftsinstrument. Es tut nichts zur sache, ob es sich um staats-, kirchen- oder konzernverwaltungen handelt. Abgesehen von den rückkopplungsschwierigkeiten ist so ein apparat spätestens als unmenschlich entlarvt, seit Stanley Milgram im labor- und nazideutschland im nationalen großversuch bewiesen haben, welch eine erdrückende mehrheit der bevölkerung autoritätsgläubig ist und auf befehle reagiert wie eine maschine auf schaltungen. Es lässt sich nicht leugnen: eine funktionstüchtige verwaltung gleicht einer gewaltigen keule, die bereitliegt und darauf wartet, von einem ?starken mann? aufgegriffen und ?zweckmäßig? eingesetzt zu werden. Erfahrungsgemäß ist die ?gleichschaltung? dann nur noch eine frage der konsequenz in zweckmäßigkeit.
Da hilft es wenig, sich auf die schutz- und sorgefunktion der verwaltung zu berufen. Zwar bedeutete das verb ?verwalten? schon im mittelhochdeutschen sowohl ?in gewalt haben? als auch ?für etwas sorgen?. Und wenn wir an die atomindustrie denken, haben wir ein unschönes beispiel für die unlösbare verflechtung von verwaltung und versorgung aus der gegenwart. Doch die bekannten maßnahmen der verwaltung um Brokdorf und Kalkar, Lüchow-Dannenberg und Wackersdorf dürften eigentlich auch den letzten arglos am unschuldsdogma hangenden davon überzeugt haben, wie mißverständlich sich verwalterische fürsorge äußern kann.
Weil zuletzt durch die atomverwaltung mit der tendenz zum ?atomstaat? die in ihr beschlossene gesellschaftliche sprengkraft offenkundig geworden ist, weicht der offizielle sprachgebrauch vom üblichen kurs der kaltschnäuzigkeit ab und zeigt sich allenthalben von der fürsorglichen seite. Im amtsdeutsch steht das wort ?entsorgung? exemplarisch für diesen trend.
Auch die sprache will entsorgt werden, wo die dinge besorgniserregend sind. Anfangs genügte es, von der »friedlichen Nutzung der Atomenergie« zu reden, um den tiefen frieden im lande nicht zu stören. Jetzt hilft nicht einmal mehr das alles verheißende wort ?Entsorgungspark?, um die gesammelten sorgen zu ?beseitigen?. Die größte und gefährlichste giftgrube aller zeiten, genannt ?Endlager?, ist und bleibt zumindest umstritten.
Umweltschützer haben das mistvieh industrie durchschaut und angeklagt. Dagegen sieht sich die verwaltung gezwungen, vor- und fürsorglich aufzutreten, vor allem, weil das mistvieh in schöner regelmäßigkeit von sich reden macht, wenn mal wieder ein kleines malheur passiert ist wie das von Ekofisk. Der tüchtige wischlappen der sprachverwaltung bereinigt eilends die zu ernster sorge anlaß gebende situation, vor allem in der sprache.
Für die kommunale müllabfuhr haben die guten gastarbeiter ihre eignung unter beweis gestellt. Was lag näher, als auch den sprachputz von hilfskräften aus südlichen zonen besorgen zu lassen. Kein anderer souffleur hätte dem nachrichtensprecher die märchenhafte rede vom ?ölteppich? auf der nordsee eingeben können. Ölteppich und entsorgungspark verweisen eindeutig auf quellen aus dem orient. Der ?Garten Eden II? winkt mit dem zaunpfahl.
Eufemismen, wenn auch vormals mit -ph-, hat es immer schon gegeben. Davon ist hier nicht die rede. Es geht in den genannten beispielen um mehr, nämlich um das öffentliche maßnahmenpaket sprachlicher entsorgung, um sprachregelungen. Im total verwalteten nazistaat gehörten sie zum zynischen alltag. Es sei an den ausdruck ?Schutzhaft? erinnert, der den typischen zwiespalt von fürsorge und bemächtigung so rein darstellt. Doch auch die demokratische verwaltung hat noch jüngst einen ähnlich diabolischen bastard zur welt gebracht: »die reine Bombe«. Und der rechtmäßige erbe des »Konzentrationslagers« ist jetzt das sogenannte »Zwischenlager«, in dem »gefährliche Elemente« zum schutz der bevölkerung gesammelt werden sollen. Aus der glücklichen liaison der fürsorglichen verwaltung mit der kybernetik sind als legitime sprößlinge die brüder »Datenschutz« und »Verfassungsschutz« hervorgegangen.
Wenn aber die solchermaßen fürsorglichst geschützten trotz der allüberall verstärkten und doch ziemlich kostspieligen »Sicherheitskräfte« nicht nachlassen, sich sorgen zu machen, so kann das fürwahr nur ausdruck unverbesserlicher miesmacherei und querköpfischer verstocktheit sein, und man hat angesichts dieser situation verständnis für die von herzen kommende drohung väterlich besorgter verwalter, daß im falle fortgesetzter obstruktion überall im lande die lichter ausgehen werden (in den 80er jahren).
Wem ginge bei der drohgebärde nicht endlich ein licht auf! Die verwaltung gibt ja doch unmißverständlich zu erkennen, daß sie es in der hand haben möchte, uns alle zu gegebener zeit auszuschalten.


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