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Machtwort. Der Imperativ ('78)


Die Fesseln des gequälten Menschen
sind aus Kanzleipapier.
Franz Kafka

Am anfang aller imponierenden waffen- und datenarsenale war das wort. Das wort eines gebieters. Sein geheiß, befehl, gebot. Schließlich gesetz, verfügung, erlaß, weisung, anordnung, auftrag, bestimmung, vorschrift, dekret, kommando, order.
Allein diese vielzahl sinn- und sachverwandter wörter ist bereits indiz für den außergewöhnlichen stellenwert, der dem imperativ im sprachgebrauch zukommt, jedenfalls in unserer sprach- und kulturgemeinschaft.
Die bewohner der arktis verfügten in dieser hinsicht auch nicht annähernd über einen solchen reichtum an wortwahlmöglichkeiten. Ihnen fehlten offenbar die wichtigsten voraussetzungen dazu. Sie fehlten einfach die worte für so etwas fortschrittliches wie verwaltung und krieg und all die hierarchien, die ohne befehl und gehorsam sofort in sich zusammenstürzen müßten.
Andrerseits unterschieden die arktiker mit vergleichbarer selbstverständlichkeit eine mittel-europäern ungewohnte fülle von nuancen in der beschaffenheit des schnees.
Der imperativ, zu deutsch: befehlsform, läßt vom namen her keinen zweifel daran, in welchen lebenswirklichen zusammenhang er gehört. Wie und wo auch immer ist er das unentbehrlichste mittel und zugleich der untrüglichste ausdruck von herrschaft.
Die unverhüllte grammatische bezeichnung haben wir den römern zu verdanken, die, was herrschaft anbelangt, bekanntlich allerhand leisteten. Sie nannten den teil der erdoberfläche, der dem römischen imperativ gehorchte, imperium romanum.
Nach derselben logik entstand im deutschen das wort 'gebiet'. Mittelhochdeutsch bedeutete es noch soviel wie 'befehl, gebot', später dann wie beim vorbild aus rom die geografische reichweite der befehlsgewalt.
Es hieße den bogen überspannen und von der ehrbaren wissenschaft der etymologie hinabsteigen in die niederungen der volksetymologie, wollte jemand dem begriffspaar 'terror' und 'territorium' die nämliche wurzelverwandtschaft nachsagen.
Wie gewalttätig oder aber wie milde ein regiment geführt wurde, das hing jahrtausendelang vom temperament des herrschers ebenso ab wie von der perfektion seiner machtmittel. Mit den technischen möglichkeiten dehnte der tüchtigste schlagetot seinen machtbereich unaufhaltsam aus. Er konnte jedoch die vergrößerten flächen und untertanenzahlen nur dann auf dauer behaupten, wenn die verwaltung des gewonnenen mit dem schlachtenglück schritt hielt. Also rundete der erfolgszwang den verwaltungsbauch und gab ihm endlich ein so großes eigengewicht, daß daneben der herrscher von einst zu kümmerlich-rudimentären proportionen zusammenschrumpfte. Wie der zauberlehrling, der die geister, die er rief, nicht mehr zu bändigen vermochte, büßte er früher oder später auch den letzten abglanz seiner alten herrlichkeit ein. An seine stelle sind die sogenannten sachzwänge der wuchernden verwaltung getreten, was freilich den einen oder anderen oberfunktionär nicht daran hindert, es noch einmal auf neolithische weise schaltend und waltend zu versuchen.
Daß herrschaft nicht mit den bühnenwirksamen herrschergestalten abdankte und mit ihnen auf immer in die museale welt der mumien überwechselte, sondern im gegenteil hinter den kulissen der sogenannten öffentlichkeit zu ganz entschiedenem fortschritt angetreten ist, nämlich in den forschungs- und verwaltungsetagen neubabylonischer hochburgen der macht, das hat sich nicht nur hier und da herumgesprochen, es hat vielmehr seinen niederschlag bereits im mark der sprache gefunden, in der grammatik.
In der duden-grammatik steht als beispiel für den imperativ zuoberst der satz: "Nehmt dreimal täglich eine Tablette!"
Es fragt sich, wem wohl diese oder eine ähnliche anrede jemals zu ohren gekommen sein möchte. Gebräuchlicher ist: "Nehmen Sie dreimal täglich eine Tablette!"
Was aber wirklich jedermann gewissermaßen schon mit der medizin in fleisch und blut übergegangen ist (und wer könnte leben ohne den trost der apotheken), das sind sätze des typs: "Nach Anweisung des Arztes Kapsel unzerkaut mit etwas Flüssigkeit einnehmen!" oder: "2 bis 4 mal täglich auftragen und leicht einmassieren!"
Wir haben vergleichbare sätze gelesen, sooft wir uns heilung versprachen von einer arznei. Wir haben, wie es die situation verlangte, aufmerksam gelesen. Dabei ist die nüchterne und sparsame grammatik der gebrauchsanweisung ohnedies einprägsam. Doch so empfänglich wir auch für sie sein mochten, für ihre nachricht, so unempfindlich waren wir für ihre form. Unsre wahrnehmung war längst tausendfach infiltriert, ehe wir uns, wenn überhaupt, der einschleichenden gestalt bewußt wurden, der stromlinienglatten sprachform, die so unmerklich getauscht wird wie die atemluft. Das war nicht allein die folge abstumpfender gewöhnung. Die unpersönliche, nur auf die sache zielende infinitivanrede schließt subjektive bedenklichkeiten a priori aus und unterläuft durch klare sachbezogenheit geschickt mögliche abwehr des adressaten. Das verleiht dem neuen imperativ die qualität des kategorischen.
Damit kein falscher eindruck entstehe von der gediegenheit der duden-grammatik, spute ich mich, anzuerkennen, daß die sachbearbeiter und herausgeber der laut deckeltext "vollständigsten Beschreibung der deutschen Gegenwartssprache" keineswegs die existenz des »kategorischen imperativs« übersehen haben. Nein, sie erwähnen ihn durchaus, freilich nicht mit dem extralinguistischen attribut beschwert, sondern unter der vielsagenden überschrift "Andere sprachliche Möglichkeiten, einen Befehl auszudrücken", in einer art fußnote zum ohnehin kurzen imperativkapitel.
Nun bedarf es wahrlich keines aufwendigen beweisverfahrens, um der einsich raum zu geben, daß die befehlsform im allgemeinen und »der kategorische imperativ« im besonderen nicht eben ein mauerblümchendasein fristen am rande der richtigen sprache. Jedoch den honorablen grammatikern gleich mangelndes augenmaß vorwerfen zu wollen, wäre etwas voreilig. Denn wenn die duden-grammatiker den »kategorischen imperativ« ein wenig vernachlässigen zugunsten wichtigerer strukturen, so ist das kein zeichen schmählicher betriebsblindheit, sondern absicht und ergebnis methodisch sauber arbeitender sprachwissenschaftler.
Was die normen der präskriptiven schulgrammatik für die gesprochene sprache, das bedeuten die vorschriften der modernen verwaltung für das ursprüngliche verhalten der verwalteten bevölkerung: herrschaft.
Auf dem verwaltungspapier hat »der kategorische imperativ« seine unangefochtene basis, von wo er seit langem erfolgreiche vorstöße in den mündlichen sprachgebrauch unternimmt, selbstverständlich mit gehörigem feuerschutz aus dem herzen der kasernen.
Eine mutter ruft ihren kleinen jungen mit den worten: "Christoph, komm, anorak anziehen!" Den vollständigen satz mit der persönlichen anrede "Du mußt deinen anorak anziehen!" verkürzt sie unter dem gewöhnungs- und anpassungsdruck, der vom obendrein sprachökonomischen verwaltungsimperativ ausgeht, auf den rein sachlichen kern "anorak anziehen".
Selbst im hausgebrauch also, dort, wo man 'du' zueinander sagt und die alte gebeugte befehlsform gewöhnlich noch brav ihren dienst tut, selbst in dieser letzten fluchtburg hat die neue form längst fuß gefaßt, d.h. auf der untersten stufe im befehlsgefälle der verwalteten welt. Weiter oben versteht sich der »kategorische imperativ« von selbst.
Sobald das kind in unserer gesellschaft zu lesen beginnt, entdeckt es um sich her ein schier unbegrenztes übungsfeld in gestalt übersichtlicher und zugleich unübersehbarer schilder mit behutsam dosierten schriftzeichen. Auf den leseanfänger verfehlt die didaktisch ausgereifte und lebensnahe leseschule nicht ihre wirkung. Erwartungsvoll und lernbereit gelangt das kind schon bald über unsichere buchstabierversuche hinaus zum ganzheitlichen erfassen der stets wiederkehrenden wortbilder auf den überall aufgestellten tafeln: "Nicht berühren!", Nicht hinauslehnen!", "Nicht füttern!"
Das schlichte "Nicht" ist ihm ihm zuerst vertraut. Auch beim zweiten sprachmuster auf den markanten tafeln: "Betreten verboten!", "Ballspielen verboten!", "Radfahren verboten!", bleibt das pädagogisch programmierte erfolgserlebnis nicht aus, wenngleich das nachgestellte partizip dem neualphabeten eine angemessene leistungssteigerung abverlangt.
Sobald das kluge kind durchschaut, wie sich die schilder gleichen, hat es ausgelernt. Das kann natürlich nicht heißen, die schildergalerie habe ihre schuldigkeit getan und müsse nun abgeräumt werden. Mit rücksicht auf den nächsten jahrgang und freilich auch auf die legastheniker, aus rein praktischen erwägungen also, beläßt man die schilder dort, wo sie sich seit generationen bewährt haben.
Später wird sich der erwachsene dankbar der öffentlich geleisteten lesehilfe erinnern und nach dem motto "Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, ein Schild pflanzen!" seinen beitrag zum gemeinwohl erbringen.
Beim militärdienst vernimmt er nicht den barschen kommandoton und auf den formularen, die seinen lebensweg begleiten, findet er aufforderungen, die in ihrer schlichtheit anheimelnd frühe leseerlebnisse wachrufen: "Zutreffendes unterstreichen!", "Packungsbeilage beachten!", "Bitte ankreuzen!", "Bitte wenden!", "Bitte zahlen!"
Und was kann er da tun als ankreuzen, wenden und zahlen, wo er keine wahl hat, den wisch in den papierkorb zu werfen? Auf grammatische modalitäten zu achten fällt ihm wahrscheinlich nicht ein.
So wuchert die stellvertretende rede der schildwachen weiter, kaum bemerkt, ungehindert, unverschämt. "Ein Antrag ist gesondert einzureichen. Einzutragen ..."
Nicht wahr, man muß die deutsche amtsschreibe nur zur kenntnis nehmen, um sofort in den chor derjenigen einzustimmen, die lange schon den sprachverderb beklagen? Doch meine ich, das überlassen wir besser den darin geübten altherrenvereinen vom schlage des fda, mit demselben weiten verständnis, mit dem wir es den tanten nachsehen, wenn sie über krieg und krankheit jammern und zugleich den nachwuchs mit kriegsspielzeug und süßem kitsch verwöhnen möchten.
Wo ein labyrinthisch aufgeblähter verwaltungsapparat den alltag von millionen erfaßt und reglementiert, bleibt von der persönlichen anrede nichts als ein falscher schein. Wo verwaltung nur noch sich selbst wahrnimmt in den vermeintlichen sachzwängen, die in dem alles überragenden hauptzweck konvergieren, zu funktionieren und zu expandieren laut dem gesetz, nach dem verwaltung angetreten, kann sprache nicht anders, als sich dem diktum solcher realität und mentalität zu beugen und zeugnis zu sein der gesellschaftlichen verhältnisse. »Der kategorische imperativ« ist gekennzeichnet durch die sprachform des sachzwangs und die anrede von unperson zu unperson.
Seit das subjekt der herrschaft kryptisch daherkommt im großen mummenschanz (nota bene, geschieht verwaltung grundsätzlich "im Auftrag"), kann es logischerweise auch kein personales objekt der herrschaft mehr geben. Es bleibt übrig der sachlich richtige und gebotene verwaltungsakt an sich.
Während die feudalherrschaft mit ihrer personzentrierten zurschaustellung der macht einfach inhuman war, eskaliert die moderne verwaltungspraxis sublim ins transhumane. Gewiß inhuman war die öffentliche vierteilung; die zum selbstzweck überhobene administration kennt dagegen überhaupt nur noch teilmenschen. Die auf bestimmte merkmale und funktionen reduzierte person erst gerinnt zur verwaltungskonformen sache, zur kalkulierbaren größe oder besser: kleinigkeit.
Daß wir den nachtfluglärm in airportnähe ertragen müssen, der sachzwang, der nicht wegzudenkende, gebietet's höchtunpersönlich.


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