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Die Retter, Offener Brief



Vor nichts fürchte sich einer mehr als
vor Gespenstern, die man verjagt hat
und die noch da sind. Karl Kraus


Meine herren vom fda-präsidium,

Sie haben ende vorigen jahres (1976) eine verbandsanthologie herausgegeben. Es ist seit je brauch literarischer vereinigungen und ihr gutes recht, etwas für die eigenen mitglieder zu tun und zugleich ein stück öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Schon der titel Ihrer anthologie »Weißbuch zur Rettung der Sprache« läßt freilich ahnen, was prompt der klappentext bestätigt: Es hat eine besondere bewandtnis mit diesem buche. Zu Ihrer entschuldigung führen Sie auf der ersten seite an: "Wem stünde es mehr zu, sich Sorgen um die Verformung unserer alten Kultursprache und die Zerstörung ihres Geistes zu machen, als einem Schriftstellerverband!"
Nur ist es leider nicht beim sorgen-machen geblieben. Sie haben mit sorgenfalten vielleicht, aber ohne die geringste sorgfalt ein buch zusammengeschustert. Darüber vermag auch der werbungshohle folgesatz nicht hinwegzutrösten: "Der Freie Deutsche Autorenverband greift ein Thema auf, das ihm umso näher liegen muß, da er sich als eine Vereinigung von Autoren versteht, die vor allem der Geistesfreiheit, der Toleranz und den unverlierbaren Menschheitsrechten verpflichtet sind."
Ihr selbstverständnis in ehren, meine herren! Nur müssen Sie es sich gefallen lassen, an diesem hohen anspruch gemessen zu werden.
Sie wollen allen ernstes die deutsche sprache retten. Sehen Sie, diese willensbekundung allein ist jedem, der wenigstens eine sprache studiert hat, schon beweis genug, daß Sie sich gründlich vergriffen haben.
Der umstand, daß ein schriftsteller nicht bloß flüchtige schallwellen verursacht wie ein redner oder sprecher, sondern bleibende zeichen zu papier bringt, dieser umstand hat Sie dazu verleitet, die sprachkompetenz mit der sprachwissenschaftlichen kompetenz zu verwechseln; andernfalls wären Sie erst gar nicht in die rostige rüstung des herrn quijote gestiegen. -
Lesen Sie den satz getrost noch einmal! Seien Sie aber unbesorgt, das abstraktionsniveau möchte ihren geist überfordern. Ich werde konkret.
Eine sprache retten heißt, sie vor dem untergang bewahren. Das setzt die mögliche verdrängung durch eine andere konkurrierende sprache voraus. So sind zum beispiel das baskische und das bretonische bedrohte sprachen, bedroht durch die staatssprachen spanisch beziehungsweise französisch. Nur die sprachautonomie könnte jene regionalsprachen vor dem raschen verfall schützen.
Die deutsche sprache hat auf dem boden der brd keine konkurrenz zu fürchten. Sie ist die einzige landessprache. Niemand braucht sie zu retten. Ihr aufruf zur rettung der sprache, meine herren vom fda, ist damit gegenstandslos. Sie kämpfen wie jener ritter von der traurigen gestalt gegen windmühlenflügel.
Sagen Sie nun nicht, das hätten Sie nicht so gemeint! Ich habe mich der mühe unterzogen, Ihr finsteres schwarz-weiß-buch zu ende zu lesen. Da ist allenthalben von niedergang und verfall, mißbrauch und zersetzung, aushöhlung und vergiftung die rede. »Das gute alte Deutsch« von einer meuchlerischen minderheit schon bald zu fall gebracht. Was aber hat es auf sich mit dieser neuauflage der weiland durch deutschlands gaue geisternden dolchstoßlegende?
Immerhin scheuen Sie sich nicht, die tatsachen zu nennen, die Ihnen sorgen machen. So sehen Sie mit entsetzen, was in deutschen sätzen vor sich geht. Ich zitiere den inkriminierten tatbestand: "Angleichung des eigenwilligen deutschen Satzbaues an andere Weltsprachen: Unterordnungen verringern sich; Klammerbildungen, die in sich einen Nebensatz einschließen, verlieren ihre Beliebtheit."
Im wortschatz sind Ihnen "gefährliche Neuwörter" aufgefallen wie zum beispiel: "verunsichern, umfunktionieren, in Frage stellen."
Angesichts solcher erschütterungen in syntax und lexik, angesichts der allgemein bekannten erscheinung des sprachwandels also, rufen Sie den sprachnotstand aus, lamentieren über sprachliche gesetzmäßigkeiten wie über linke machenschaften. Das heißt lamentieren über jede neue generation, die ihre eigene sprache findet, will sie nicht geistig verkommen.
Meine herren vom fda, Sie werfen zwei dinge durcheinander, nämlich sprachverfall und sprachwandel. Das ist nicht weiter verwunderlich bei dem sprachunterricht, den Sie seinerzeit genossen haben. Verwerflich nur, daß Sie Ihr defizit als kulturerbe tradiert sehen möchten.
Wie weit Ihre unkenntnis der metasprache reicht, das mag ich Ihnen nun nicht in einer peinlich langen litanei vorkonjugieren. Aber herr präsident hubertus prinz zu löwenstein, es ist eine verdrehung der historisch belegten tatsachen, wenn Sie schreiben: "... der Zerfall des deutschen Volkskörpers in Sprachgruppen und Mundarten hatte schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege eingesetzt"(S.16).
Die europäischen nationalsprachen entstanden erst in der sogenannten neuzeit. Vorher gab es keine einheitlichen landessprachen, sondern dialekte. Das war mit ein grund dafür, daß an den universitäten das lateinische bis weit in die neuzeit hinein unterrichtssprache war.
Sie verdrehen abermals die tatsachen, wenn Sie schreiben: "So sehr hatte Deutsch an Ansehen verloren, daß man es als empörendes Unterfangen ansah, als der Philosoph Christian Thomasius im Jahre 1687 an der Universität Leipzig eine Vorlesung in deutscher Sprache ankündigte."
Wahr ist, daß Thomasius mit der tradition des lateinischen brechen wollte. Das löste empörung aus.
Statt sprachgeschichte zu studieren, murmeln Sie lieber die unfromme formel vom "göttlichen Ursprung der Kultursprache". Soziolinguistik ist für Sie lediglich "das neue Modewort linker Germanisten". Statt rational zu argumentieren, schmieren Sie, herr zierer, rührseligen quatsch von der "Seele der Deutschen", beschwören Sie 100mal "die traditionellen Werte".
Meine herren präsidialmitglieder, ich komme zu dem, was Sie eigentlich bewegt und verführt hat, sich auf das Ihnen unbekannte terrain der sprachtheorie vorzuwagen. Die sprache ist Ihnen nur ein vorwand, die ewigen werte zu predigen. Zu Ihrer ehrenrettung empfehle ich Ihnen, das schluderbuch schleunigst einstampfen zu lassen und ein neues buch herauszubringen mit dem ehrlichen titel: Rettet die ewigen Werte!
Wenn Ihnen nostalgisch bis antiquarisch ums herz ist, warum bekennen Sie sich nicht unumwunden dazu? Sie werden in diesem lande leser und zustimmung finden.
Aber noch mal zurück zu Ihrem schwarzen "Weißbuch". Was haben Sie doch für ein kühn verdrehtes verständnis von geistesfreiheit, für die Sie ja angeblich eintreten, wenn Sie begriffe wie "bewußtseinsveränderung" oder "kritik" nur mit der zange anfassen mögen!
Ich will Ihnen die verlegenheit ersparen, stumm vor der frage zu stehen, aus welchen essenzen Sie nach alchimistenart den "Geist der Sprache" destillieren. Ich bin ziemlich sicher, daß der mitsamt der "Seele der Deutschen" DAS DEUTSCHE WESEN ist, wie es an sich und in sich west.
Den begriff 'unzulässige Hypostasierung' lasse ich rücksichtsvoll als zu speziell aus dem spiel. Sie werden aber hoffentlich kapieren, was ich sage, wenn ich Ihnen erkläre, daß Sie dem obrigkeitsfrohen nationalerbe nicht entwachsen sind.
Darum fordern Sie die bevorzugte behandlung der deutschen klassiker im sprachunterricht, darum fürchten Sie den zerfall der kultursprache in dutzende dialekte, darum ereifern Sie sich für die pflege der hochsprache. Ihr horizont ist die vergangenheit, ziemlich genau die periode von der renaissance bis zum nazistaat. Aus dieser mottenkiste ziehen Sie ungeniert auch das, was Ihrer meinung nach spracherziehung heute zu sein hätte. "Gerade heute müßte die Hochsprache vom Staat energischer gepflegt werden als früher." Was "energischer pflegen" heißt, wird an anderer stelle deutlich: "... daß ein tüchtiger Deutschlehrer dem Jungen die falsche Grammatik und die unbeholfene Ausdrucksweise gründlich austreibt."(S.131)
Vor lauter nationalstolz auf "das gute alte Deutsch" ist Ihnen entgangen, wie hübsch ausgewogen die deutsche wortschatzbilanz im internationalen austausch neuerdings dasteht. Ist es dem deutsch doch endlich gelungen, die alte scharte auszuwetzen, die durch die entlehnung des wortes 'toleranz' entstanden war. Jüngst haben die meisten europäischen sprachen die vokabel 'berufsverbot' aus dem deutschen übernommen. Ein schöner erfolg, gewiss. Doch wundern Sie sich nicht, wenn man Ihren "Geist der Sprache" als schreckgespenst deutet!
Wehe, ein kultusminister wagte es, die barocke schreibtradition (großschreibung der substantive, der sogenannten hauptwörter) in frage zu stellen, sogleich unkten Sie dann vom untergang der deutschen sprache, doch nicht etwa, weil Sie einblick in die gesetzmäßigkeiten der sprache genommen hätten. Ich sehe Ihre indignierten mienen. Für Sie ist es eine zumutung, daß ein schriftsteller sein werkzeug gründlich kenne. Warum auch? Was scheren Sie so entlegene fakten wie die, daß man das dänische nicht hat untergehen sehen,als die dänen nach 1945 die großschreibung der substantive über bord geworfen hatten. Vor solchen nichtigkeiten bekundet ein unendlich freier deutscher autor festen blicks auf das große ganze deutscher kultur gern seine volksverbundenheit und zitiert den volksmund: "Je gelehrter, desto verkehrter."(S.77)
Nichtwahr, was so ein rechter freier deutscher autor ist, frei über den zwingenden dingen stehend, der kann auf seine rechte eingebung bauen. Und die flüstert ihm angst und schrecken ein vor jedem mündigen menschen. Darum, meine edlen herren vom fda, ist für Sie der deutschlehrer als beckmesser lebensnotwendig. Denn wenn schon die schüler Ihr wunderschönes deutsch zu durchschauen lernten, wohin sollte das führen als zur ablage Ihres machwerks in der untersten schublade.
Genug! Der von Ihnen ausgerufene sprachnotstand ist Ihr ganz persönliches problem. Daß jeder sehe, was das ist: angst anstelle von lernfähigkeit, dafür haben Sie ein verdammt schönes beispiel geliefert. Meinen dank haben Sie.


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