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Mündig oder mundtot



Das Gefängnis ist nur das letzte Glied
an züchtigenden Hervorbringungen
in diesem Zeitalter der Geißelung.
Michel Foucault


»Ist freier Ausdruck in Sprache und Schrift ohne Sprachnormen möglich?«
So lautet in diesem jahr ('77) die preisfrage der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung. Jedermann steht es frei, seine antwort als abhandlung oder essay einzureichen, auf hochdeutsch versteht sich und anonym. Dem gewinner des preisausschreibens winken DM 3000 belohnung für 40 bis 60 volle schreibmaschinenseiten.
Ich vermute, nur einige wenige uneigennützige sprachpfleger und germanisten werden sich für die preisfrage interessieren, ein sehr kleiner kreis von spezialisten. Trotzdem oder auch gerade deswegen meine ich aber, das thema, will schreiben, ?das tema?, verdiene über die enge expertenrunde hinaus beachtung.
Die preisfrage heißt wohlgemerkt nicht: Brauchen wir noch sprachnormen oder stehen sie der verständigung eher im wege? Diese frage entspräche einigermaßen dem stand der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen diskussion. Nein, dem darmstädter club mit dem ehrwürdigen namen gelingt es, an so etwas plattgefahrenem wie kommunikation elegant vorbeizusteuern. Nichts geringeres als die freiheit steht, ganz vorn in der frage, zur debatte. Die freiheit des ausdrucks, wohlgemerkt, nicht die freiheit an sich. Man ist konkret.
Die senderseite im kommunikationsprozeß wird ins licht gerückt, die empfängerseite ausgeblendet.
Es könnte der eindruck entstehen, es ginge hauptsächlich um die sprichwörtliche ?dichterische freiheit? und deren hochwohllöbliche normen der selbstzensur. Ganz so abwegig scheint der eindruck nicht bei einer Akademie für Sprache und Dichtung.
Wird nicht gerade in jüngster zeit wieder die alte klage laut über jene dichter, die kein vorbild mehr sein können, schlimmer noch, keines mehr sein wollen? Dichter, die ihre dichterische freiheit dazu mißbrauchen, die sprache zu zertrümmern, statt sie zu pflegen.
Aus der gewohnheit, den adressaten bei der arbeit nicht aus dem blick zu verlieren, muß sich der kandidat des preisausschreibens fragen, ob es denn wohl ein zufall sei, daß die darmstädter akademiker die freiheit so in den vordergrund stellen, wie gesagt, die freiheit der wortproduzenten, und er muß sich weiter fragen, wie denn der zufall so spielen könne, daß dem ruf nach freiheit der ruf nach ordnung und gesetz wie ein echo hinterdrein schallt.
Jedermann, der dem zeitgeist auch nur gelegentlich begegnet ist, weiß, daß freiheit und unterdrückung im sprachgebrauch derer sich nicht ausschließen, die die repression legalisieren möchten oder sie bereits legalisiert haben. Bezeichnend für solchen sprachgebrauch ist, daß scheelzüngig ?freiheit? stets hier herüber klingt und ?ruhe? dauernd dorthin donnert. Freiheit für die einen, ruhe für die anderen.
Die wortproduzenten sind nur eine verschwindend kleine minderheit in der menge der gesamtbevölkerung.
Was ich bis hierher zum wortlaut der preisfrage und zur darmstädter adresse gesagt habe, mag man getrost meiner phantasie zuschreiben. Dem anschein der vielleicht subjektiven interpretation entrückt ist dagegen die tatsache, daß die Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung sich seinerzeit mit ihrem votum gegen die rechtschreibreform (Wiesbadener Empfehlungen) unmißverständlich nicht nur für sprachnormen überhaupt, sondern mit nachdruck für die bestehenden normen stark gemacht hat. Dies zu wissen, ist wichtig, es zu beherzigen notwendig für jene, die partout am preisausschreiben teilnehmen wollen. Was nützt den bewerbern aller sachverstand und erstaunliche urteilskraft, wenn die jury doch nur gelten läßt, was ihrem begriff zumindest nahekommt!
Sprachpolitische entscheidungen (um die geht es hier ja vor allem) fallen bekanntlich nicht in den labors experimenteller linguisten. Sprachpolitische entscheidungen sind vielmehr abhängig vom sprachbewußtsein der gruppe. Daher ist mit an sicherheit grenzender wahrscheinlichkeit vorauszusagen, daß ein bewerber mit ca. 50 seiten einsatz für die bestehenden sprachnormen die besten voraussetzungen mitbringt, in die engere wahl gezogen zu werden. Falls eine (in diesem sinn) preiswürdige arbeit vorgelegt werden sollte, braucht man auf ihre veröffentlichung nicht gespannt zu sein.
Damit jene erbarmungswürdigen kandidaten, die trotz gewissenhafter einarbeitung in die materie aussichtslos auf seite 33 stecken geblieben sind, in einem letzten anlauf die hürde 'seitenzahl' mit umwerfender leichtigkeit nehmen, will ich einen garantiert hilfreichen tipp geben, der den fleißigen bewerber beflügeln und seine prüfer vom hocker holen wird.
Übertrage die preisfrage in einen ganz anderen, durchgehend anschaulichen bereich. Zum beispiel so: Ist freie bewegung bei tag und nacht ohne uniformen möglich?
Es ist ja nicht schwer, sich einen bundeswehrsoldaten in den vielfältigsten lebenslagen vorzustellen und sich im einzelnen auszumalen, auf welch wundersame weise die bewegungsfreiheit erst durch den schweren kampfaufzug möglich gemacht und verwirklicht wird, ganz gleich, ob auf der tanzfläche, am reck, beim straßenbau, im bett oder freibad. Wem es also nicht am vorstellungsvermögen gebricht, ist bald aller schwierigkeiten ledig und kann die gefundenen lösungen auf das rein sprachliche feld übertragen. Voil?. Das wär's.
Weshalb ich nicht selbst am preisausschreiben teilnehme? Ach, das ist ein trauriges kapitel. Ich fürchte, den meisten potentiellen bewerbern geht es ebenso wie mir. Wer im zarten jugendalter ein paar eindrucksvolle jahre an einer universität verweilte, der ist für sein lebtag infiziert und geschwächt; dem kann man nicht mehr alles abverlangen. Der hat womöglich den aufsatz »Sprachnorm und Schülersprache« von Siegfried Jäger gelesen, und damit ist die frage ein für allemal beantwortet; ja, der hat womöglich in einem anflug von euforie erfahren, wie man jederzeit die freiheit messen kann, unabhängig von der weltgegend das maß an unterdrückung ablesen kann auf der skala faktischer mündigkeit, vom nullpunkt des befehls bis zur vollen mitsprache ohne irgendeine formale oder inhaltliche einschränkung.
Muß daran gemessen die darmstädter preisfrage nicht geradezu wie ein dämlicher und unverschämter rückfall in absolutistische barbarei klingen, wo auch nur erwogen wird, dem staat in gestalt des schulmeisters nicht etwa nur das recht einzuräumen, denn das hat er ja, sondern es ihm nachdrücklich zur pflicht zu machen, dem kind den mund zu verbieten, wenn es ohne rücksicht auf hochlautung und papiergrammatik seine meinung spontan äußert?
Muß daran gemessen nicht mit macht darauf gedrungen werden, daß das strukturell bedingte schweigegebot der schule wenigstens im sprachunterricht aufgehoben wird, statt es formal auszuweiten durch das subtile einschüchterungsmittel der kodifizierten norm?
Leistet daran gemessen der willkürakt der normsetzung nicht ungezählten weitergehenden willkürakten vorschub?
Wer so fragt, angekränkelt von der wissenschaft blässe, reagiert sensibilisiert auf bedrohliche anzeichen und zustände. Und ich meine, hier steht zuviel auf dem spiel, als daß man es wie bisher den kleinen zirkeln der entscheidungsträger überlassen dürfte. Käme dem sprachvermögen nicht die zentrale bedeutung bei der wahrnehmung der grundrechte, bei der selbstbehauptung und selbstverwirklichung zu und zeigte sich dies nicht gerade auch in der funktion der sprache in der schule, dann brauchten wir kein verständnis aufzubringen für soviel aufhebens um die kodifizierte norm, kurz: die schulnorm oder das dudendeutsch.
Aber hier geht es ja um den alles entscheidenden empfindlichen anfang und ansatz, wo die weichen gestellt werden, wo die zensur beginnt und der grundriß für das staatsgefängnis zu papier gebracht wird. Ein gerader weg führt von der straffen norm als maßstab der schülersprache über zu große und daher zum schweigen verurteilte klassen zu bürgern, die keine lippe riskieren, wenn über ihr leben verfügt wird. Dieser weg, wenn er zu ende gegangen wird, führt absehbar in die »schöne neue welt«.
In sieben jahren haben wir 1984 oder »1984«.
Es ergibt einen reim, wenn junge menschen erst gewaltsam zum schweigen gebracht werden (schweigeschule) und nachher die erwachsenen ebenso gewaltsam zum sprechen. Vom lauschangriff, der dies besorgt, bis zur mehr oder minder subtilen folter ist es nur ein kleiner schritt.
Mögen sich noch so wenige teilnehmer für das darmstädter preisausschreiben gewinnen lassen, an der abgefeimten ahnungslosigkeit der machenschaftler ändert das nichts. Alle mitglieder der sprachgemeinschaft sollten wissen, daß sprachnormen wie die bestehenden schulnormen ein musterfall obrigkeitlicher bevormundung sind, sowohl nach ihrer herkunft als auch nach ihrem ziel. Aber - und dies ist das eigentlich fatale - die bestehenden normen sind nicht nur undemokratisch, sie sind außerdem ganz überflüssig. Durch die technische entwicklung, besonders im bereich der medien, ist die gesamtsprachliche gebrauchsnorm so abgesichert, daß künftiges ausscheren in soziolektalen separatismus ausgeschlossen ist. Dies urteil stellen neuere mundartgedichte nicht in frage. Sie signalisieren allerdings symptomatisch den überdruß an der amtlichen sprachmünze.


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