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5 Zeitalter


Jemand macht Bekanntschaft mit einem kleinen Kind, und früher oder später ist die Frage fällig: Wie alt bist du? Meist kommt prompt die korrekte Antwort. Hat die anwesende Mutter nun Grund, stolz zu sein ob der Kinderwissenschaft? Oder ist dies ein eher harmloser Fall von Altklugheit?
Mit anderen Worten: Kann ein Kind von, sagen wir, drei Jahren wissen, was drei Jahre bedeuten? Was Zeit und Zeitlichkeit? - Wohl kaum. Sein Horizont in Raum und Zeit ist die nahe Gegenwart.
Vielleicht ist die Vorstellung zu einfach, dass der kindliche Horizont mit der Augenhöhe wächst. Unbestritten ist die relativ späte Entwicklung des Zeitsinns.
Also leben Kinder in ihrer eigenen Welt, was Raum und Zeit betrifft. Diese Einsicht dämmerte den Erwachsenen erst in neuerer Zeit. Wie man früher über die kleinen Menschen dachte, oft genug auch heute noch denkt, ist ablesbar an Ausdrücken wie "naiv", "kindisch", "Kindskopf".
In Romantik und Biedermeier, die schon ein Herz für Kinder hatten, endete der Zeitsprung in die Welt der Kleinen mit Idealisierungen und Verniedlichungen. Das Lied auf der Opernbühne "O selig, o selig, ein Kind noch zu sein" zeigt die emotionale Annäherung an die Kindheit.
Das Klischee von den süßen Kleinen, die allenfalls zwergenhaft kleine Sorgen und Konflikte kennen, hält sich so hartnäckig wie die Redensart: Kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen.
Das Dasein der Kleinen wird gern immer noch als Puppenstubenspiel gesehen; der Ernst des Lebens beginne erst später, sagt man. Jugendlichen nimmt man eher ab, dass sie Probleme haben.
Zwischen Kindheit und Jugend liegt ein tiefer Einschnitt. Die Pubertät ist ein reißender Strom, in dem der Jugendliche zu versinken droht, wo vordem nur eine sommerliche Pfütze war, in der das Kind planschte und spielte.
Vielleicht begreifen wir Erwachsenen die kleinen Menschen etwas besser, wenn wir uns vorstellen, dass sie auf einer Zeitreise sind. Wie der Mensch als Embryo mal ein bisschen Fisch, mal ein bisschen Reptil ist, so ist er in der Kindheit mal ein wenig Vormensch, mal ein wenig Neandertaler usw.
In den Lebensaltern begegnen sich Zeitalter. Das ist nicht jedesmal eine harmonisch gestimmte Begegnung. Im Generationenkonflikt stehen sich zwei Parteien gegenüber, deren Programme kaum in Einklang zu bringen sind.
Die jüngere Generation vertritt die früheren Zeitalter und widersetzt sich der glatten Anpassung an die Forderungen des Fortschritts, hält aber just dadurch im besten Fall Wege in die Zukunft offen. Die ältere Generation, verstrickt in die sogenannten Sachzwänge, erzieht die Jugend nach überholten Mustern und macht sich eben darum zu Recht Sorgen um die Zukunft. Der Konfliktknäuel ist immer gut für Überraschungen.
So einfach, wie Freud sich den Gegensatz dachte, ist die Begegnung der Zeitalter in den Generationen wohl eher nicht. Vor allem die Montage der Sicherung im Unbewussten der Kinder ist eine Vorstellung von Elternübermacht und kindlicher Tabula rasa, die dem Wunschdenken der herrschenden Klasse jener Tage entsprang.
Inzwischen gibt es die Erklärung der Rechte der Kinder; aber diese Rechte werden so lange missachtet werden, wie der zivilisierte Mensch sich vor der Urzeit fürchtet, an die ihn seine Kinder ungewollt erinnern.


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