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4 Perspektivische Zeiten


Alles Leben ist nur der Staub an den großen Rädern der Himmelsmechanik, könnte man sagen und damit zweierlei andeuten: das Größenverhältnis und die Abhängigkeit.
Die Verteilung von Licht, Wärme und Wasser an der Erdoberfläche regelt der Tages- und Jahresgang unseres Planeten. Tiere und Pflanzen haben sich den Bedingungen so angepasst, dass die Blüte bestimmter Pflanzen Kennern die Jahres- und eventuell auch die Tageszeit anzeigt, wie auch der Gesang der Vögel etc.
Der Schlaf ist natürlich ebenfalls eine Anpassung an den Wechsel von Tag und Nacht wie der Laubfall in unseren Breiten eine Anpassung an den Wechsel von Sommer und Winter.
Weitere Beispiele erübrigen sich. Es ist eine Binsenweisheit, dass alles Leben auf der Erde vom näheren und weiteren Umfeld abhängig ist.
Auch unsere Zeitrechnung ist nur die explizite Form der uralten Orientierung am kosmischen Geschehen.
Wie aber passt unser Pulsschlag in diese Ordnung? In Ruhe nähert er sich dem Sekundentakt der Uhr. Ein Zufall? Oder ist die Zeitmaschine ein nützliches Verbindungsstück zwischen Mensch und Kosmos?
Kinder haben einen höheren Puls als Erwachsene, Kranke meist einen höheren als Gesunde, und das Mäuseherz klopft so rasend schnell, dass wir die einzelnen Schläge kaum noch wahrnehmen können, während ein Elefanzenherz nach menschlichem Ermessen dem Stillstand nahe ist.
Wenn man weiß, dass eine Maus nur eine sehr geringe Lebenserwartung hat, der Elefant dagegen eine dem Menschen ähnliche, könnte man sagen, die Uhren der Winzlinge gehen schneller und sind darum eher abgelaufen. Doch wer hier ein universales Zeitlineal anlegt, rechnet ins Leere. Ein Mäuseleben ist nicht ein Dreißigstel Elefanten- oder Menschenleben. Ein Kolibrileben ist auch nicht ein Bruchteil eines Kondorlebens.
Vielmehr hat jede Art, ja, sogar jedes Einzelwesen eine eigene Zeit. Vom Blickwinkel der kleinen Tiere erscheint der Lebensrhythmus der großen relativ verzögert und umgekehrt. Beobachten wir nebeneinander die Bewegungen einer Forelle, eines Lachses, eines Delphins und eines Wals, so entsteht der Eindruck der perspektivischen Verlangsamung oder Beschleunigung, je nach der Blickrichtung.
Filmaufnahmen von auftauchenden Walen wirken wie Zeitlupenaufnahmen. Huschende Eidechsen wie im Zeitraffer gezeigte und verkleinerte Krokodile.
Wenngleich also alles Lebendige seinem eigenen Lebensrhythmus folgt, nicht aber dem Gang der Sterne, hat die Beobachtung der perspektivischen Verzögerung oder Beschleunigung auch außerhalb der Biosphäre Geltung.
Für das Zittern der Moleküle, Atome und anderen Elementarteilchen bis hin zu den Quarks sind die Frequenzen errechnet worden, welche die flirrenden Bewegungen der Einzeller noch um Klassen übertreffen.
Sozusagen am anderen Ende der Skala, an der Basis der perspektivischen Pyramide, verdanken die Fixsterne ihren Namen dem Anschein, dass sie unbeweglich an der Stelle stehen. Das tun sie, wie man längst weiß, mitnichten. Doch die Sonne braucht für einen Umlauf im Milchstraßensystem einige hundertmillionen Jahre. Berechnen kann man das nur mit Mühe, sehen können wir das nicht.
Was bleibt nach den Beobachtungen unter dem Strich?
Es gibt offensichtlich eine perspektivisch bestimmte Reihe unterschiedlicher Zeiten, von der unvorstellbaren Nullzeit im Nullraum bis zur ebenso unvorstellbaren unendlichen Zeit im unendlichen Raum.
Der Weltraum ist kein riesiges Zimmer und die Zeit kein tropfender Wasserkran. Wir müssen uns an den ungebräuchlichen Plural der Raumzeiten und der Zeiträume zu gewöhnen versuchen.


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