Startseite   ·   Links   ·   Autor   ·   Impressum
3 Der Wettlauf


Wenn man sich die beiden Teilnehmer des Wettlaufs ansieht, weiß man schon, wer das Rennen machen wird. Der behäbige Kalender hat natürlich nicht die geringste Chance gegen die flink tickende Uhr. Aber auf den ersten Blick war der Hase ebenfalls der große Favorit gegen den Igel, und man weiß ja, wie das Rennen ausging.
Ein Ereignis beleuchtet jedes Jahr wieder die Situation und die Aussichten der Wettläufer. Silvester. Besser gesagt, der Kalenderwechsel. Wenn der große Moment näherrückt, wohlgemerkt, der große Moment für den Kalender, denn das Jahr ist sein Maß, also auch der Jahreswechsel sein Ding. Doch was wir dann eingeblendet sehen, bildschirmgroß, ist die Fernsehuhr mit dem überdimensionalen Sekundenzeiger. Alle Augen sind auf die Uhr und den Sekundenzeiger gerichtet. Man tanzt, schmust und trinkt nicht mehr. Man legt die Feuerwerkskörper bereit und beobachtet gespannt das Zeichen des Zeigers der Fernsehuhr. Der Gong ist der Start für Millionen gute Wünsche, Umarmungen und Küsse, Sektkorken- und Feuerwerksgenalle.
So stiehlt die Uhr schon seit vielen Jahren dem Kalender an seinem großen Tag die Schau. Mit ihrer schnellen Sekunde, mit ihrer sichtbaren Pünktlichkeit kommt die Uhr gut an und gewinnt Jahr um Jahr den Kampf um die Gunst der Zuschauer/innen.
Uhren sind in. Nützliche Schmuckstücke, die zu jeder Gelegenheit getragen und oft gewechselt werden, die man hundertmal am Tag anschaut, während man dem Kalender vielleicht ein-, zweimal einen raschen Blick gönnt.
Das Rennen scheint gelaufen. Aber die Uhr legt noch zu. Mit Funkunterstützung steigert sie ihre Präzision und gewinnt das Publikum für sich.
Warum gibt der Kalender nicht einfach auf? Hat er noch nicht realisiert, wie hoffnungslos abgeschlagen er ist? Wahrscheinlich macht ihm Mut, dass viele seiner Fans ihm aus alter Gewohnheit die Treue halten, Tische und Wände mit Hochglanzexemplaren schmücken, ohne zu erkennen, wie schlecht es um ihren Liebling steht.
Neuerdings gibt es aber auch Leute, die mit dem langsamen Kalender trotzig sympathisieren, gerade weil er so langsam ist. Sie sagen, dass sie die Freuden der Langsamkeit entdeckt haben. Und sie pfeifen auf die schnellen Sekundenzeiger. Sie halten sich gar für die Avantgarde einer neuen Zeit.
Von dieser Randerscheinung abgesehen, kündigten sich das Aus für den Kalender und der Sieg für die Uhr schon vor Jahrzehnten an, als es den Atom-Uhren gelang, das Urzeitmaß überhaupt, den Erdentag, als gar nicht so zuverlässig und gleichmäßig zu entlarven.
Um vier Tausendstel einer Sekunde schwankt die Tageslänge, beweist die Atom-Uhr. Wenn das kein Beweis für die Überlegenheit der Uhren ist, was dann?
Auf der Strecke geblieben und zur Schnecke gemacht ist aber nicht nur der gemütliche Tagepflücker. Sehr viele Planungen und Verrichtungen rangieren bereits in Zeitrahmen, die weit unter Jahr und Tag gemessen werden. Physikalische Versuche und Abläufe im Rechner lassen sogar die Sekunde weit hinter sich. Die Atom-Uhr teilt eine Sekunde in neun Milliarden Bruchteile oder Teilstriche, die kein Auge mehr sehen kann und keine Hand mehr zeichnen.
Auf der Strecke bleiben muss bei solch flitzender Klitzigkeit natürlich die Zeit jenseits der Computer und der Versuchsbedingungen im Labor: die Geschichte, die Jahrhunderte und Jahrtausende, die der Kalender atmet.


<< mehr auf www.weltwissen.com

<< zurück