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1 Zeit-Ansätze


Im öffentlichen Bewusstsein gibt es nur eine Zeit. Wenn von der Mehrzahl die Rede ist, etwa von schlechten oder finsteren Zeiten, dann hat das mit Emphase zu tun, nicht mit einer pluralen Auffassung von Zeit.
Im Grammatik-Unterricht lernt jedes Kind, dass es beim Verb verschiedene Zeitformen beachten muss; aber auch in dem Fall ist kein Gedanke an ein anderes Modell der Zeit. Im Gegenteil. Im Physik-Unterricht wird das Gleiche über die Zeit gelehrt wie im Sprachunterricht, und zwar mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als sei die Zeit überhaupt keine Frage wert.
Im Deutschen geben die Adverbien 'jetzt', 'vorher' und 'nachher' das Schema an, nach dem die Zeit zu denken ist. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft sind in diesem Schema theoretische Einteilungen der eigentlich einheitlichen Zeit, nichts anderes als die Längsgliederung einer lebenden Katze in Kopf, Rumpf und Schwanz.
Man hat die Vorstellung einer geraden Linie, von der ein Ende in der fernsten Vergangenheit verschwindet und das andere Ende in der ebenso fernen Zukunft. Zwischen den zwei Unendlichkeiten wandert wie auf einer endlosen Straße unermüdlich und gleichmäßig der Augenblickspunkt der Gegenwart.
Diese gängige Vorstellung von Zeit entspricht der X-Achse im Koordinatensystem. In der Realität entspricht ihr einigermaßen die mechanische Zeit(messung) der (analogen) Uhren.
Der Sekundenzeiger spielt die Rolle der wandernden Gegenwart; allerdings mit einer nicht uninteressanten Abweichung: der Zeiger dreht sich im Kreis, das Zifferblatt ist aus praktischen Gründen eine runde Rennbahn in einer Arena, die überschaubar ist. Eine Runde entspricht einer halben Tageslänge von 12 Stunden.
Bei der nächstgrößeren Zeiteinheit, dem Monat, verfährt man wiederum aus praktischen Gründen ähnlich: Sieben Tage sind überschaubarer als 30, so entstand der Orientierungszyklus der Woche.
Das Jahr dagegen ist sozusagen ein naturbelassenes Zeitmaß. Es folgt der periodischen Wiederkehr der Jahreszeiten und dem beobachtbaren Lauf der Gestirne. Bezogen auf die Lebenserwartung der Menschen eine überschaubare Größenordnung. Es bleibt (in der Regel) bei bequemen zweistelligen Zahlen.
Angesichts der Kreisbewegungen der Uhrzeiger und Gestirne (durch die Erddrehung) ist die ältere Idee der ewigen Wiederkehr inklusive Wiedergeburt begreiflicher als die Erfindung der abstrakten geradlinigen und nach zwei Seiten unendlichen Zeit.
Oft wird in einem Atemzug mit dem Zeitstrahl der Zahlenstrahl genannt, so als habe letzterer Pate gestanden bei der Konstruktion der linearen Zeit. Aber die Rechnung geht nicht auf. Auch die Zahlenreihe erweist sich genau besehen als eine Abfolge von Kreisläufen. Beim gebräuchlichen Dezimalsystem wiederholen sich die zehn Ziffern in allen Zahlen aller Größenordnungen. Das ist wiederum sehr praktisch.
Aus reiner Zweckmäßigkeit auch lernte der Mensch die Gerade als kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten schätzen. Weil sie in der Natur so selten vorkommt wie die glatten Linien geometrisch gewachsener Kristalle und weil sich außerdem so glatt mit ihr rechnen ließ, wurde die Gerade zum Zeichen menschlicher Glanzleistung und Herrschaft. Die altägyptischen Pyramiden erhoben sich triumphal über die afrikanischen Rundhütten.
Es waren wohl die Erfolge der Geometrie und ihrer technischen Anwendung, die unsere Umwelt in Planquadrate verwandelten und den Raum in den vierdimensionalen Weltwürfel. Im Übereifer begradigten die erfolgreichen Geometriker und Macher auch den Schwunglauf der Flüsse und den Kreisgang der Zeit.


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