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4 Menschenbild


Ob wir mit Immanuel Kant fragen "Was ist der Mensch?" und vielleicht sogar eine bessere Antwort finden als der Königsberger Philosoph, oder ob wir vor Tatendrang das Grübeln über Grundsätzliches lieber anderen überlassen - ein Bild vom Menschen haben wir in jedem Fall, sei es auch kaum bewusst und unausgesprochen; im Tun und Lassen kommt es zum Ausdruck.
Die Geschichte der westlichen Philosophie überliefert ein Menschenbild, das in seiner mehrfachen Gebrochenheit und Unnatur an Fabelwesen aus der Vorzeit erinnert, etwa an die altägyptische Sphinx oder den Zentaur der griechischen Mythen. Kennzeichnend ist die Zweiteilung in Geist und Materie.
Sie kehrt allenthalben in analogen Antithesen wieder wie 'Körper und Seele', 'Kopf und Bauch', 'Subjekt und Objekt', 'freier Wille und Schicksal', 'Masse und Energie', nicht zuletzt in der Polarität von 'Laut und Sinn', deren geheimnisvoller Synthese im Wort Wilhelm von Humboldt nachforschte.
Kein Geheimnis ist, dass ein tiefer Riss durch die Wissenschaft geht und die Universität spaltet in Natur- und Geisteswissenschaften. Ihre Repräsentanten haben mit zunehmender Spezialisierung Verständigungsschwierigkeiten untereinander. Die beiden Kontinente des Wissens treiben immer weiter auseinander.
Das Schisma der Theoretiker hat durchaus praktische Konsequenzen: Naturwissenschaftlich, das heißt, biologisch-medizinisch, betrachten und behandeln wir den Menschen, genauer: den Körper, als Hominiden, als ein Säugetier aus der Ordnung der Primaten. Die Schulmedizin war und ist mit diesem unzulänglichen Ansatz ziemlich erfolgreich, hat sich mit Medikamenten und chirurgischen Eingriffen unentbehrlich gemacht. Die westliche Gesellschaft hängt am Tropf der Gesundheitsindustrie. Mit fortschreitender Vergreisung der Gesellschaft manövriert sich die Branche in die Nähe des Selbstzwecks.
Geisteswissenschaftlich dagegen, das heißt, historisch und mythologisch, ist unser Selbstbild ein imposanter Superlativ: 'Krone der Schöpfung'. Im Brockhaus klingt das so: "Der Mensch ist durch zahlreiche arteigene Sondermerkmale eindeutig von allen Tieren unterschieden und über das Tierreich hinausgehoben."
Nach römischem Recht waren aber nicht nur alle Tiere geist- und seelenlose Sachen, sondern auch Kinder und Sklaven. Der Hausherr und Eigentümer besaß die volle Verfügungsgewalt über sie.
Wo dergestalt die Apartheid, die Trennung von oben und unten selbstverständlich geworden war, fiel es nicht aus dem Rahmen, die Herrschaft von Adel und Geistlichkeit über den Volkskörper zu begründen und zu praktizieren.
So fügt sich auch die Herrschaft der Europäer über Indianer, Afrikaner etc. nahtlos ins Menschenbild der Abendländer. Will sagen, die sogenannten Naturvölker erwiesen sich als die geborenen Sklaven der christlichen Kulturnationen.
Wie der Geist die Materie besiegt, so herrscht zuletzt auch immer das Gute über das Böse. Klar, dass die Herrschenden stets die Guten sind.
Im abendländischen Menschenbild steht der Kopf, allenfalls noch der Oberkörper bis zur Gürtellinie, für den Geist und das Gute; der Bauch hingegen, je bauchiger desto mehr, eigentlich alles Schwere und Erdnahe, verkörpert die Materie und das Böse.
Der alte Zwiespalt der Doppelnatur wiederholt sich auch auf der Ebene des Bewusstseins. Seit 100 Jahren lehrt die Psychologie, dass der hellen Tagseite des wachen Geistes eine dunkle Nachtseite gegenübersteht, das Unbewusste. Das reiche hinab bis in die Tiefenschichten der frühkindlichen und genetischen Weichenstellungen und steuere unser Denken und Tun stärker als das Wachbewusstsein.
Menschenbilder, die sich in langen Zeiträumen verfestigt haben, sind wie andere Vorurteile ziemlich immun gegen neue Erkenntnisse. Je älter und verbreiteter so ein Bild ist, desto resistenter erweist es sich gegen jegliche Argumente.
Obwohl jeder Mensch durch Wachstum und Verfall, durch Lernen und Vergessen einem unleugbaren Wandlungsprozess unterliegt, wird die Identität der Person grundsätzlich nicht in Zweifel gezogen. Wenn aber dieser Fixpunkt selbstverständlich gilt, ist der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele nur die Fortschreibung der im Leben schon unerschütterlichen Instanz, die immer 'ich' sagt und dabei bleibt und darauf besteht, lebenslang.





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