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3 Feindbild


Wenn zwei Buchfinken sich attackieren, als flatterten sie an einer Glaswand auf und ab, handelt es sich um das typische Territorialverhalten dieser Art im Frühjahr. Vor der Brutzeit, meist im März, wird das Revier durch solche Kampfkerzen abgesteckt.
Das Feindbild des Buchfinken ist in dem Fall der männliche Artgenosse. Dringt der ins besetzte Revier ein, löst er unweigerlich den Angriff des Besitzers aus.
Menschen sind keine besseren Finken. Im Gegenteil. Sie müssen gleich sieben Reviere bewachen und verteidigen. Zum Beispiel den Grundbesitz oder das Vaterland, das Glaubensbekenntnis oder die Menschenrechte. Meist ebenso vehement wie Buchfinken den Status, Rang und Namen. Auch die Rolle in der Gruppe oder die Fachkompetenz und Zuständigkeit.
Das Gerangel und Gedränge kostet sicher so viel Kraft wie der Zankflug der Finken. Aber die Zwänge kann mensch sich nicht aussuchen. Wohl gibt es freiwilliges Engagement, das zur Not aufgekündigt werden kann. Aber das Geschlecht, die Nationalität, die Sprache und meist auch die Religion werden uns in die Wiege gelegt. Bei Missfallen können sie nicht einfach gestrichen werden. Die durch solche Mitgift vorgezeichneten Frontverläufe und Feindbilder verschaukeln uns schon in der Wiege.
Für die meisten Menschen ist so viel Kampfbereitschaft eine glatte Überforderung. Gegenstrategien sind deshalb an der Tagesordnung. Zum Beispiel Spezialisierung und selektives Totstellen. Das ist der Grund für die Ruhe an vielen Fronten, nicht etwa Friedfertigkeit. Die Ruhe ist trügerisch. Latente Feindbilder können jederzeit reaktiviert werden.
Der Westen gibt sich zur Zeit [Ende der 90er] alle Mühe, ein 1000 Jahre altes Feindbild wieder blank zu putzen. Die Serben wurden schon im sogenannten Mittelalter von römischen Päpsten verflucht und als Feinde beschimpft, obwohl sie doch Christen waren, aber eben keine römischen, sondern orthodoxe der Ostkirche, die seit langem so tat, als ginge es auch ohne Weisungen aus Rom.
Der im vorigen Jahrhundert in Berlin gefeierte Staatsphilosoph Hegel nannte "die Bulgaren, Serbier und Albanesen ... gebrochene barbarische Reste ... asiatischen Ursprungs" und schloss den Osten Europas, apostrophiert als "diese ganze Masse", aus seiner Weltgeschichte aus wie übrigens auch die anderen Kontinente.
Eigentlich ist das Konglomerat aus Vorurteilen nicht der Rede wert, wenn es nicht so bezeichnend wäre für den westlichen Blick auf Ost-Europa und den Rest der Welt.
Das serbische Attentat in Sarajewo vor 93 Jahren bewies die Wirksamkeit alter Feindbilder. Es war nicht das einzige und wichtigste Feindbild, aber es löste das europäische Gemetzel aus, das man in gewohnter Hybris "Weltkrieg" nennt.
Als hätten die Serben nicht schon genug auf dem Kerbholz gehabt, leisteten sie im Partisanenkampf erfolgreichen Widerstand gegen die Nazis, statt sich wie die Kroaten mit dem deutschen Terrorregime zu verbünden.
Jetzt zeigt sich, dass es verfrüht war, schon beim Fall der Berliner Mauer vom Ende des Ost-West-Konflikts zu sprechen. Der Westen hat seine Grenzen bis an den Pazifik verlegt, im Osten aber ist der Frontverlauf noch fast der gleiche wie vor 1000 Jahren. Für den Westen beginnt der Osten immer noch in Serbien.
Mit Hilfe der Massenmedien ist das alte Feindbild ziemlich schnell entstaubt und wieder auf Hochglanz gebracht. Serbien ist nur ein Beispiel.
Neben der politischen Geschichte, ja, mehr noch als diese, gewährt die Wortgeschichte Einblicke in die Mechanismen und Funktionsweisen von Feindbildern: das Wort 'Feind', sagen die Etymologen, ist ein altes Partizip, das wir nicht mehr als solches empfinden. Nur noch die Buchstaben 'n' und 'd' erinnern an die Endung des Partizip Präsens. 'Feind' bedeutet ursprünglich 'hassend'. Also, nicht ich hasse meinen Feind; nein, er, der böse Feind, hasst mich, und ich wehre mich ja nur gegen die Anfeindungen.
Wenn ich zwei raufende Schuljungen am Schlafittchen packe, haben die auch nichts eiliger zu melden als: 'Der hat angefangen.'
Die Bösen sind immer die Anderen, die Feinde, die Hassenden, die Gehässigen und Hässlichen.
Psychologen sprechen in dem Fall von 'Projektion'.


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