Startseite   ·   Links   ·   Autor   ·   Impressum
2 Zukunftsbild


Vor Zeiten war es Sache der Propheten, die Zukunft zu kennen und vor unguten Entwicklungen zu warnen. Heutzutage würde jede/r ausgelacht, der oder die sich anmaßte, mehr über morgen und übermorgen zu wissen als das Wetteramt (von heimlichen Spökenkiekern abgesehen).
Wenn aber ein Wissenschaftler mit ernster Miene und einiger Reputation sich ans Orakeln macht, findet er vielleicht doch sein Publikum. Vor wissenschaftlicher Untersuchung ist nichts sicher; warum sollte die Zukunft nicht zum Forschungsobjekt werden? Was heißt 'werden'? Die Futurologie ist längst eine wissenschaftliche Disziplin.
Eine eindrucksvolle Pioniertat war bekanntlich der erste Bericht an den Club of Rome zur Lage der Menschheit, Titel: "Die Grenzen des Wachstums".
An weiteren Versuchen, Lichtbreschen ins Dunkel der Zukunft zu schlagen, hat es seitdem nicht gefehlt. "Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten" war sozusagen die zweite verbesserte Auflage des ersten Berichts zur Lage der Menschheit. Aber ohne eine ähnliche Wirkung.
Dass in der Vorausschau die handfesten Beweise natürlich nicht zu erbringen sind, macht die Sache darum nicht gleich zur Wahrsagerei. Wenn zudem ein Mann die Zukunft entdeckt, der Professor und Leiter eines Instituts der berühmten Harvard University ist, wird schon was dran sein an seinen Befunden, sagen sich die Leute. Restlichen Zweifeln macht die Medienmeute den Garaus.
Die Rede ist von Samuel Huntington und seinem Bestseller vom "Kampf der Kulturen", erschienen vor 3 Jahren [inzwischen vor 10 Jahren], in dem der Autor voraussagt, das nächste Jahrhundert werde noch massenmörderischer als das vergangene.
Bemerkenswert ist, wie schlicht und simpel der Mann der Wissenschaft hochkomplexe Prozesse darstellt. Schon dieser Aspekt erklärt die Hälfte des Aufhebens, das man von dem Bestseller machte. In mancher Hinsicht hat die finstere Prophezeiung den Charme erfolgreicher Kochbücher.
Man nehme von Oswald Spengler und anderen die Einteilung der Welt in klar geschiedene Kulturen, definiere einen jeden Kulturkreis nach der religiösen Farbe und lasse einen guten Schuss Zukunftsangst einfließen. Und schon ordnen sich die gewaltigen Migrationsströme um die Kernstaaten wie die Suppe um den rührenden Löffel.
In Kämpfen und Kochtöpfen geht es meist heiß her. Die Ingredienzien Liebe und Hass dürfen deshalb in Huntingtons Kreation nicht fehlen. Wer sich mit der eigenen Kultur gehörig bis heftig identifiziert, kann die Angehörigen andrer Kulturen kaum verstehen, meist auch nicht ausstehen, dafür aber umso besser hassen.
Wo es unvermeidlich zu Berührungen kommt, zischt und dampft es, springen sogar die Funken, dort an den Bruchlinien der Systeme, wo Huntington die Kriege der Zukunft heraufziehen sieht.
Menschen brauchen Feinde, so der Seher, um sie selbst sein zu können. Hassen sei menschlich und, muss man wohl ergänzen, wünschenswert.
Frage, die eigentlich keine Frage mehr ist: Ist die Altersweisheit des Professor Huntington denn nun prophetisch oder aber erzreaktionär?
Hat seine Zukunftssicht nicht verflucht viel Ähnlichkeit mit der Vergangenheit? Wiederholt sich die Geschichte, weil nun mal die Menschheit und Herr Huntington lernunfähig sind? Soll etwa, wo von der "Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" (Untertitel) die Rede ist, der "Kampf der Kulturen" als self-fulfilling prophecy die bedrohlich-dunkle Zukunft ins Altvertraute umbiegen und schlichtifizieren?
Handelt es sich um Furcht oder Phantasielosigkeit des alten Mannes oder vielleicht doch eher um das Kalkül des Regierungsberaters? Die Regierenden brauchen Feinde. Das ist auch nicht neu.



<< mehr auf www.weltwissen.com

<< zurück