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1 Geschichtsbild


Vor 35 Jahren brachte der Deutsche Taschenbuch Verlag ein Geschichtswerk heraus, das offenbar eine Marktlücke traf, sodass beinahe jedes Jahr eine Neuauflage folgte. Augenblicklich [vor 8 Jahren] ist die 32. Auflage im Handel. Wenn nichts Außergewöhnliches den Gang der Dinge stört, droht in absehbarer Zeit die 40. Drucklegung.
Die verkauften Exemplare zählen schon lange nach Millionen. Die Tageszeitung ?Die Welt? jubelte beizeiten: "Dieser Atlas zur Weltgeschichte ist eine großartige Sache, eine überaus gelungene verlegerische, editorische und kartographische Leistung."
Wie großartig die Leistung ist, wird schon auf der ersten Seite klar, wo es unter anderem heißt: "Die bisher noch immer übliche europabezogene Sicht der Geschichte wurde durch universalhistorische Aspekte erweitert."
Wer das großartige Werk aufschlägt, findet freilich keine Weltgeschichte vor, sondern wie gehabt nur das, was unter der Bezeichnung so durchgeht: viel Nationalgeschichte, Geschichte Europas und ein paar Blicke über den Tellerrand. In Seitenzahlen: 10 von 600 Seiten für die "Ur- und Frühgeschichte", 20 von 600 Seiten für die "Hochkulturen", 4 (in Buchstaben: vier) Seiten von 600 für das alte Ägypten. Der deutschen Geschichte aber widmet diese Weltgeschichte annähernd 80 Seiten.
Die perspektivische Verkleinerung des räumlich und zeitlich Fernen sowie die Vergrößerung des geografisch und historisch Nahen sind das Markenzeichen dieser Weltsicht. Sie kommt nicht nur in den genannten Proportionen zum Ausdruck, sondern auch in der Terminologie.
Bald ist es ein Jahrhundert her, dass Oswald Spengler wenigstens in diesem Punkt treffsicher das traditionelle Geschichtsbild kritisierte: "Altertum - Mittelalter - Neuzeit, das ist das unglaubwürdig dürftige und sinnlose Schema ... "
Die Autoren des dtv-Atlas zur Weltgeschichte aber halten sich noch immer an das überkommene Schema. Außerhalb Europas nur ein Phantom der wirklichen Weltgeschichte.
Im Untertitel ?Karten und chronologischer Abriss? kündigt sich bereits das nächste Malheur des großartigen Geschichtswerks an: die Fixierung auf Karten. Damit war die einseitige Darstellung der Geschichte als Herrschaftsgeschichte programmiert.
Außer Kriegszügen, Gebietsverlusten, Eroberungen, Ausdehnung und übrige Beschaffenheit von Territorien bringt der dtv-Altlas ergänzende Schaubilder zu Genealogien, Hierarchien, Ressourcen und Verfassungen. Aber auch die bedienen einseitig das Herrschaftsinteresse.
Den Autoren des Geschichtstaschenbuchs in 2 Bänden ist es gelungen, alles zusammenzutragen, was das altabendländische Geschichtsbild wissenschaftlich unhaltbar macht: das sinnlose Schema, die gewohnten Disproportionen, die entsprechende Terminologie und Periodisierung, die einseitige Präferenz der Herrschaftsgeschichte.
Wo die Aufklärung beinahe ein Schimpfwort ist und auch die Phantasie versagt, erschöpft sich die Darstellung im Kreisgang des Altbewährten und Immergleichen.


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