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3 Wege zur Welt


Mein Jugendfreund Otfried war kein Philosoph, wollte auch gar keiner sein. Das hinderte uns aber nicht, oft stundenlang zu philosophieren, genauso wie ich es mit meinem Aufsatz über den Wunschfreund, der philophisch sein sollte, herbeigeschrieben hatte.
Das war vor über 40 Jahren. Unter den damaligen Umständen ein seltener Zufall, eine glückliche Ausnahme.
Heute gibt es auch auf dem entlegensten Dorf den Zugang zum Internet, ein Weg zur Welt, der sich weit jenseits der Käfigenge der 50er Jahre aufgetan hat. Selbst ein Vergleich mit Otfrieds einzigartiger Privatbibliothek geht nicht auf. Seine dreitausend und mehr Bücher waren erheblich teurer als die neueste Megamultimediadatenstation mit DSL-Anschluss und Stimmsteuerung. Neben so einer Telestation, die sich jede/r in die Wohnung holen kann, erscheinen volle Bücherregale, auch wenn sie neu bestückt sind, wie angestaubt und antiquiert.
Heute ist ein Gedankenspaziergang mit Freunden möglich ohne Rücksicht auf Tages- und Jahreszeit, auf Wetter- und Weltlage, und unter Verzicht auf die 7-Meilen-Stiefel zeitgemäßer Mobilität. Einfach die Telestation einschalten, und schon trägt uns die Elektronik mit nahezu Lichtgeschwindigkeit in fremde Länder, nach Tokio zum Beispiel oder Rio. Das ist der Weltweg, nicht mehr der Feldweg.
Auf diese Weise habe ich vor zwei Jahren Ravi kennen gelernt. Einen Mann aus Madras am Indischen Ozean. Dort im tropischen Süd-Indien ist er zu Hause. Dort hat er einen Aschram aufgebaut.
Zuhause heißt hier nicht, dass er sich mit seinen annähernd 70 Jahren dort zur Ruhe gesetzt hätte. Er ist nicht mehr so viel unterwegs wie früher, besucht aber regelmäßig Freunde, die ebenfalls ein Gemeinschaftshaus planen oder bauen oder bereits fertiggestellt haben.
Ravi ist kein Guru, wie man sich ihn vielleicht vorstellt. Aber mehr Guru als Philosoph ist er schon. Trotzdem steht für mich fest, dass nur die Wenigsten so beharrlich und mit solch vorweisbaren Ergebnissen nachgedacht haben wie Ravi.
Veröffentlicht hat er hingegen nur wenig, beinahe nichts. Statt ein Buch zu schreiben, das sein Vermächtnis enthält, hat er einen Aschram gegründet.
Er ist mitnichten von der Einzigartigkeit seiner Ideen und Pläne überzeugt. Im Gegenteil. Er hält es für wahrscheinlich, dass bereits andernorts in gleicher Weise gedacht und gehandelt wird.
Wenn meine Gedanken einer Linie folgen, die ganz konsequent und denknotwendig ist, sagt Ravi, müssen längst andere auf der gleichen Linie wie ich unterwegs sein. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann die unbekannten Mitstreiter ihre womöglich reiferen Ergebnisse vorlegten.
An die Vermarktung seiner Ideen denkt er grundsätzlich nicht. Was wir wissen, ist wie die Sprache, in der wir unsere Informationen festhalten und mitteilen, Allgemeinbesitz, sagt er.
Als ich ihn frage, was er davon hält, dass ich einige seiner Grundgedanken einem europäischen Publikum präsentiere, stellt er nur eine Bedingung: nicht als Philosoph vorgestellt zu werden. Seine Begründung leuchtet mir ein, wenn er sagt, in der westlichen Tradition sei die Trennung von Denken und Tun bei Philosophen die Regel. Das Denken habe sich vom Boden des Alltags losgelöst wie eine Weltraumstation und funktioniere nach eigenen Gesetzen im luftleeren Raum.
Auch wenn Ravi in seinem Leben drei Berufe erlernt und ausgeübt hat, nämlich Lehrer, Kapitän und Arzt, so ist er doch kein reiner Praktiker. Sein Denken hat aber Hand und Fuß aufgrund seiner Lebenspraxis. Das ist es, warum ich so gern mit ihm philosophiere.


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