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2 Philosophenweg


Wenn von Philosophen die Rede ist, siehst du wahrscheinlich die gleichen alten Köpfe vor dir wie ich: die von Buchdeckeln und aus Schulbüchern etc. allbekannten Konterfeis.
Sokrates war 70, nicht 17, als er angeblich die höchste Stufe der Weisheit erklomm; darum wurde und wird das Portrait des 70-jährigen abgebildet, nicht aber das des 17-jährigen. Vom jungen Sokrates haben wir kein Bild und keine Ahnung.
Schon flüchtiges Blättern in einem Nachschlagewerk genügt, uns davon zu überzeugen, dass Philosophen generell als Alte vorgestellt werden.
Mein Freund Otfried und ich waren etwa 17, als wir es uns zur Gewohnheit machten, so oft wie möglich gemeinsam auf Gedankenwanderung zu gehen. Wir verabredeten uns für einen Zeitpunkt am frühen Nachmittag, wann immer die Schularbeit es zuließ, mehrmals in der Woche, um über uns, unsere Erinnerungen und Erwartungen und die Lage der Menschheit zu reden. Nur wenn es draußen extrem nass oder ausnahmsweise auch einmal extrem heiß oder kalt war, blieben wir im Haus. Gewöhnlich aber traten wir ohne Verzug die stundenlange Wanderung an. Fast immer auf dem gleichen Weg, der uns in wenigen Minuten aus der Enge der Gassen und Gärten hinausführte auf die weite Fläche der Felder vor der kleinen Stadt.
Nur selten begegneten wir da draußen einem Bauern oder Jäger. In der Regel waren wir die Einzigen auf dem Feldweg ohne Namen. Kein Wirtshaus, keine Hütte, kaum ein Baum, allenfalls die einsame Eibe weit draußen. Nichts, das die Aufmerksamkeit abzog. Rechts die Flussniederung, in der sommers das Wasser irgendwo zwischen Weiden, Pappeln und Schilf mehr zu ahnen als zu sehen war. Zur Linken, ebenfalls weitab, hier und da eine Baumgruppe, die winters den Blick freigab auf ein Gehöft. Voraus nur Felder bis an den Horizont, den die Waldkulisse säumte.
Wenn wir auf diesem Freiweg wieder einmal über alles geredet hatten, was uns bewegte oder was wir für weltbewegend hielten, konnte es passieren, dass Otfried deklamierte: "Und sie wälzten gemeinsam der Menschheit Probleme."
Das klang wie das ironisch antizipierte Zitat künftiger Kommentatoren, Biografen oder Heimatkundler, die unseren Gedankenwanderungen auf der Spur waren. Für Otfried war es eine ausgemachte Sache, dass unsere Wanderroute eingedenk der tiefen Gedankenbahnen, die wir da eingegraben hatten, von nachfolgenden Generationen als "Philosophenweg" bezeichnet und ausgeschildert werden würde. Das sagte er aber nicht mit der ernsten Miene des Propheten, sondern schmunzelnd, mit Spaß am Spott.
Hatten nicht wir mit unseren regelmäßigen Gedankenspaziergängen diesen namenlosen Feldweg erst zu einem Teil der kultivierten Welt gemacht, ihn gleichsam aus dem erdklumpigen Dasein, dem Urzustand der Wildwechsel, Jagdszenen und Bauernkarren erlöst und zum Höhenweg des Geistes sublimiert?
Der Hohn galt dem Kaff, dem Dorf mit altem Stadtrecht, in dem die VERgangenheit mit drei Großbuchstaben geschrieben wurde und die Zukunft nur als Wiederholung des Immergleichen vorstellbar war. Der Spott galt aber natürlich auch uns selbst, unserer Oberschülerahnungslosigkeit und -hybris.
Für Otfried stand fest, dass wir gar keine Philosophen waren, siehe oben, dazu waren wir einfach noch zu jung. Überdies hatte er überhaupt keine Ambitionen in Sachen Philosophie. Ihn interessierte die schöngeistige Literatur und weiter nichts, wenn man die Literaturkritik einschloss. Sein erster Autor war Thomas Mann, der Stilist und Sprachspieler.
Den Philosophen sagte Otfried mangelndes Sprachgefühl nach. So etwas Abstraktgewundenes wie die Mehrzahl der Traktate mochte er seinem Geschmack nicht antun.
Heute, über vier Jahrzehnte später, ist unser Feldweg tatsächlich in einer topografischen Karte rot eingezeichnet: als Wanderweg. Ohne Namen. Aber immerhin, eine Bedingung für die Beförderung zum Philosophenweg ist damit erfüllt: die Anerkennung als ein besonderer Weg, der nicht mehr nur irgendein Feld-Wald-und-Wiesen-Weg ist. Jetzt muss es sich nur noch unter den Heimatkundlern vor Ort herumsprechen, wer zuerst den Feldweg durch die Tat zum Wanderweg bestimmte, und dann ist es nur mehr ein letzter kleiner Schritt zur Aufwertung, sprich: bis zur Namengebung und Ausschilderung als "Philosophenweg".


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