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1 Schulphilosophie


Mitten in den 50er Jahren. In der 10, der Abschlussklasse des Rumpfgymnasiums der Kleinstadt auf dem Lande, rutschte die Last der ewigen Schuljahre endlich spürbar von unsern Schultern. Erleichterung über das nahe Ende der Pflichtübungen bestimmte die Gemütslage. Die Welt wurde heller, selbst im Schulalltag.
Pünktlich zum neuen Jahr war die Anstalt klassischer Bildung mit neusprachlichem Zweig in den Neubau eingezogen. Alle die muffigen Möbel, die Phalanxbänke mit Kippsitzen, die Museumsstücke aus der Urzeit der Schulpflicht wie das hohe Lehrerpult auf hohlem Podium waren auf einmal verschwunden, weggefegt von Schülerflüchen und dem schlechtem Gewissen der Verwalter bei guter Kassenlage die ganze Notunterkunft mit ihren stall-artigen Räumen und kellergangdunklen Fluren. Und wir fanden uns in hellen Klassen mit reformpädagogisch inspirierter Einrichtung wieder.
Wenn nicht wenigstens Lehrkörper und Lehrpläne die alten geblieben wären, hätten wir glauben können, ein neues, helleres Zeitalter sei angebrochen.
Deutschlehrer Hohnleitner war der einzige Neue. Jung war er nicht. Seine hohe Stirn verriet es. Wir wussten noch nicht, welche Qualitäten oder Macken er mitbrachte. Fächer: Deutsch und Erdkunde.
Der erste Klassenaufsatz, den er uns aufgab, sollte sich als folgenreich erweisen. Thema: Ein Freund, wie ich ihn mir wünsche.
Ich brachte in der vorgeschriebenen Zeit eine angemessene Menge Text zusammen.
Am Tag der Rückgabe der Klassenarbeit packte Hohnleitner den Stapel schwarzer Hefte mit gelbem Etikett auf den Lehrertisch und machte ein paar allgemeine Bemerkungen. Dann nahm er das oberste Heft vom Stapel und begann, daraus vorzulesen. Wort für Wort, Satz für Satz - mein Geschreibsel. Er las es vor von der ersten bis zur letzten Seite. Jedoch nicht ohne Unterbrechungen.
Nach einer verschachtelten Periode überfiel Hohnleitner einen unschuldigen Schüler mit der Frage, ob er noch folgen könne. Das kam einer symbolischen Erschießung gleich.
Und so ging das weiter. Mein Aufsatz ward zum Arsenal, aus dem der Neue mal hier mal da etwas hervorzog, um es als Waffe gegen die wehrlosesten Anwesenden zu richten.
Hohnleitner schloss mit der Feststellung, die Arbeit sei oberstufenreif; ja, viele Primaner erreichten nicht einmal ein solches Niveau.
Otfried, der bei Deutscharbeiten auf Einsen abonniert und diesmal mit einer Zwei unter seinem Schnitt geblieben war, sprach mich nach dem Unterricht an. Was ich damit meine, dass mein Wunschfreund einer sein solle, der philosophiere, wollte er wissen.
Unter den Schüler/innen der 10 war Philosophie nicht eben eine klare, eher eine unbekannte Vokabel. Für Hohnleitner Gelegenheit, die sommersprossige Cilli ranzunehmen, die immer ganz vorn saß, weil sie so klein war.
"Was heißt überhaupt philosophieren?" fragte er scharf und schüchterte die andern in der Reihe gleich mit ein. "Wie? Nie gehört?"
Achselzucken einzeln der Reihe nach.
Für Otfried wäre die Frage allerdings leicht zu beantworten gewesen, aber der wurde natürlich nicht gefragt. Der saß ja auch ganz hinten in der letzten Reihe. Der hatte zuhause mehr Bücher als alle Schüler/innen des Rumpfgymnasiums insgesamt. Der las sie auch. Täglich. Mit wenig Pausen. Lesen und Bücher waren seine Welt.
Ganz beiläufig fragte er mich, welche Philosophen ich denn kenne. Ich musste gestehen, keinen einzigen.
Mich faszinierten damals gerade die aufregenden Versuche und Ergebnisse der Chemie. Das war mein Lieblingsfach. Zuhause und in der Schule. Über mögliche Erklärungen chemischer Probleme nachzudenken, stundenlang, tagelang, das hieß für mich philosophieren. Ich hatte einen sehr weiten Begriff von Philosophie, könnte man sagen, oder auch: keinen.
Immerhin machte Otfried mich neugierig zu erfahren, was für Probleme anerkannte Philosophen wälzten.
Otfried empfahl mir zuerst Lichtenberg, den Aphoristiker. Kein schlechter Tipp. Wochenlang trug ich die schmale reclam-Auswahl mit mir herum, las sie kreuz und quer. Bis ich anfing, nach Lichtenbergs Vorbild ein Gedankentagebuch zu führen. Das verdrängte allmählich die chemischen Experimente.





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