Startseite   ·   Links   ·   Autor   ·   Impressum
5 Demokratie


Rotchina ist in fast sechs Jahrzehnten heller geworden. Und reicher. Das Regime im reifen Alter handelt. Die Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention, die Experimente mit dem Kapitalismus, der Beitritt zur Welthandelsorganisation sind nur ein paar Beispiele.
In einer Hinsicht aber bleiben die Herren in Peking hart: Die führende Rolle der kommunistischen Partei steht nicht zur Disposition. Mit anderen Worten, das West-Angebot Demokratie wird weiterhin dankend abgelehnt. Noch. Denn die Tage der nichtdemokratischen Staaten auf dem Globus sind ja gezählt, wie man weiß.
Außerdem ist China aufgrund seiner eher pragmatischen Mentalität und Tradition für die Demokratie geradezu prädestiniert. Jedenfalls viel eher als Länder, die, durch eine Staatsreligion oder andere Altlasten gefesselt, die Lösung der Gegenwartsprobleme in der Vergangenheit suchen. Die Frage ist nicht, ob das Reich der Mitte demokratisch wird, sondern nur, wann und wie.
Niemand wird von einem demographischen und historischen Schwergewicht wie China erwarten, dass es die Programme der Emporkömmlinge aus dem Westen schlicht akzeptiert und am besten gleich kopiert.
Es gibt ja auch tief im Westen Demokratien, die es nur dem Namen nach sind.
Was für eine Verfassung China in den nächsten Jahrzehnten bekommen wird, ist offen. Wahrscheinlich wird die chinesische Demokratie wie Malerei, Medizin und Schrift ganz eigene Züge tragen. Vielleicht wird das kreative Land mit all seinen ungezählten Talenten noch einen weiteren revolutionären Sprung nach vorn tun und dabei der Demokratie eine neue Richtung geben.
Fragen wir lieber nicht den berüchtigten Mann auf der Straße. Halten wir uns der Einfachheit halber an einen jungen Mann mit ernster Miene, einen Studenten, der von seinem einjährigen Stipendium im Westen erzählt. Was unsere Frage betrifft, zitiert er den Jerusalemer Politologen Dror, Mitglied des Club of Rome:
"Moderne demokratische Politik ist größtenteils ignorant, oberflächlich und unmoralisch und aus diesen Gründen nicht in der Lage, mit fundamentalen Problemen richtig umzugehen."
Der junge Mann sagt das nicht etwa triumphierend, um den Westlern eins auszuwischen, sondern ganz ruhig. Er war wie gesagt ein Jahr im Westen. Es fällt ihm nicht schwer, Drors massive Anklage durch Beispiele aus eigener Erfahrung zu untermauern.
Das heißt aber nicht, dass er demokratische Prinzipien wie die Grundrechte und die Gewaltenteilung verwirft. Im Gegenteil. Er wünscht sich, sie würden überall ernster genommen.
Der Student gesteht ohne Zögern, dass der bestimmende Einfluss einer Partei wie in seinem Land die Sache nicht besser macht. Dem gesellschaftlichen Fortschritt, sagt er, steht vor allem der Spaß am instinktgesteuerten Machtspiel im Weg, der Mordsspaß der Matadore in der politischen Arena. Die Regierenden aller Länder würden ihr schreckliches Spiel bis in den Abgrund des Weltendes treiben, wenn sie nicht bald durch eine wirkliche Gewaltenteilung daran gehindert werden.
Hier wischt ein Lächeln den tiefen Ernst aus dem Gesicht des Mannes: "Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung", sagt er in gut verständlichem Deutsch.


<< mehr auf www.weltwissen.com

<< zurück