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4 Die Menschenrechte


Wann immer Regierende aus dem Westen ein Land im Osten oder Süden aufsuchen, vergessen sie nie, als Gastgeschenk die Menschenrechte im Gepäck zu haben, um sie möglichst bald nach der Landung vor laufenden Kameras auszupacken. Gastgeber und Weltöffentlichkeit müssen daran erinnert werden, wie reich der Westen ist, reich an Waffen und Wirtschaftskraft, aber eben auch an Werten, die weltweite Geltung beanspruchen. Stets wieder soll der Eindruck erneuert werden, dass der Westen die Menschenrechte achtet, der Rest der Welt leider noch immer nicht.
Der Hochglanzkatalog der Grundrechte verfehlt seine Wirkung nicht. Er lässt die Augen der Rikschafahrer in Kalkutta und der Kriegswaisen in Angola aufleuchten. Endlich kommt jemand, der ihnen Hoffnung macht und in Worte fasst, was sie entbehren:
" ... eine Lebenshaltung, die ... Gesundheit und Wohlbefinden, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Behandlung und notwendige Leistungen der sozialen Fürsorge, gewährleistet."(Art.25)
Das ist viel, sehr viel mehr, als die Rikschafahrer und die Kriegswaisen zu träumen wagen. Aber aus dem farbenfrohen Katalog der Menschenrechte winkt ihnen weit mehr. Zum Beispiel die Entfaltung all ihrer Fähigkeiten in Bildung und Ausbildung von der Vorschule bis zur Hochschule, freie Berufswahl, menschenwürdige Arbeitsbedingungen inklusive Erholung und Freizeit, angemessene Entlohnung und Schutz vor Arbeitslosigkeit. (Art. 23 u. 24)
Das Schaufenster voller schöner Geschenke ist noch nicht ganz ausgeleuchtet, und schon sind das Mayamädchen aus Guatemala und der Kuli aus Kanton bereit, dem Mann aus dem Westen ob der frohen Botschaft die Füße zu küssen, da geschieht das Infame: Chinas Premier, offenbar unbeeindruckt von der Präsentation, überrascht seinen hohen Staatsgast aus Washington mit der sehr freundlichen, aber bestimmten Feststellung, die Lage der Menschen sei für viele Millionen im Westen gar nicht so rosig, wie der Hochglanzkatalog glauben machen möchte.
Als darauf der amerikanische Präsident einräumt, sein Land habe in der Tat noch nicht alle Forderungen der UN-Menschenrechtserklärung erfüllt, bemühe sich aber um die volle Umsetzung, beschleichen die Rikschafahrer und die Waisen, die Kulis und die Mayamädchen erste Zweifel an den großen Versprechen, die ihnen der Vertreter des Westens gemacht hat.
Der Student aber aus Dschakarta und die Studentin aus Addis Abeba wissen um die lange Tradition bei den Abgesandten des Westens, glitzernde Glasperlen als Mitbringsel in der Tasche zu haben. Sie wissen, dass die Erklärung der Menschenrechte ihren Ursprung in der europäischen Aufklärung hat, dass sie nur die Fortschreibung der Declaration des droits de l'homme der französischen Revolutionäre ist. Zwei Jahrhunderte alt. Ein politisches Programm aus der Zeit der Postkutschen und der Fürsten, fortschrittlich gewiss unter den Bedingungen des Ancien regime, so fortschrittlich wie die Montgolfiere für die Luft- und Raumfahrt.
Die gescheiten Schüler/innen der Weltschule wissen: Skepsis gegenüber den Eintreibern der Menschenrechte ist geboten, nicht erst, seit diese unter dem Banner der Menschenliebe Krieg führen wie neulich gegen Serbien, sondern prinzipiell; denn das Menschenrecht ist, historisch gesehen, ein Gnadenakt der Staatsgewalt; es setzt die Existenz eines Regimes voraus, das die Macht hat, einzelne Grundrechte nach Belieben einzuschränken oder ganz zu streichen. Diesen Zustand des überall und immerzu drohenden Machtmissbrauchs der Regierenden zu überwinden ist die Aufklärung angetreten, nicht aber, ihn zu konservieren.


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