Startseite   ·   Links   ·   Autor   ·   Impressum
3 Die Aufklärung


Könnte irgendein Geschenk des Westens an den rest der Welt größer und kostbarer sein als das Geschenk der Aufklärung?
Japan erkannte das früh und nahm das Angebot lächelnd entgegen. Verständlich. Es wollte ebenso reich und mächtig werden wie der Westen. Und die Japaner haben ihr Ziel erreicht. Das Land der aufgehenden Sonne steht dem Westen heute in nichts mehr nach.
Europäische Besucher bemerken teils verwundert, teils bewundernd den tiefen Zwiespalt der japanischen Gesellschaft: einerseits Höchstleistungen in Wissenschaft und Technik, andrerseits eine weitgehend traditionelle Lebensweise. Der Eindruck entsteht, als wäre dieses ungereimte Nebeneinander von Fortschritt und Stillstand eine fernöstliche Spezialität.
Ein Schwenk nach Westen, zum Freistaat Bayern, macht jedoch klar, wie sehr die Bilder sich gleichen. Das Land zwischen Röhn und Alpen präsentiert sich nicht ohne Stolz mit dem Slogan "Laptops und Lederhosen". Schaun' S' her, wir Bayern schaffen den Spagat zwischen Hightech und Bodenständigkeit.
Was den Bayern recht ist, soll den Briten schon billig sein: Eine bedeutende Errungenschaft der westlichen Aufklärung war die Festsetzung internationaler Normen und Maße im metrischen System. 200 Jahre nach ihrer Einführung im revolutionären Frankreich gelten in den angelsächsischen Ländern noch immer die vorsintflutlichen Daumen-, Fuß- und Ellenmaße. Störrischer Stillstand im inneren Zirkel des technischen Fortschritts. Doch das fällt kaum jemandem auf, weil den Leuten im Kindesalter mit der englischen Sprache auch die bodenständig-britischen inches, feet und miles eingetrichtert werden. Von anderen alten Zöpfen mal abgesehen.
Im japanisch-bayerisch-britischen Vergleich erweist sich die vermeintliche Besonderheit der fernöstlichen Gesellschaft als eine universale Gesetzmäßigkeit, derzufolge technische Neuerungen viel eher akzeptiert werden als gesellschaftliche.
Japaner, Bayern und Briten sind stolz auf ihre Erfolge. Aber um wieviel glücklicher könnten sie sein, wenn sie statt der halben die ganze Aufklärung hätten!
Der Anspruch der Aufklärer, Wahn durch Wissen, Gewalt durch Vernunft und Gewissen zu vertreiben, war von Anfang an enzyklopädisch auf die Erneuerung aller Wahrnehmungen und Vorstellungen gerichtet. Der scheinbare Triumph der Aufklärung bei der Abschaffung des Ancien regime bedeutet in Wirklichkeit nur einen Teilerfolg, denn der gesellschaftliche Flügel der Aufklärung ist seither lahm. Die Aufklärung wurde einseitig beschnitten wie ein Zoovogel. Nur Naturwissenschaften und Technik sollten noch weitertragen. Wahn und Gewalt wurden nicht besiegt. Die interkontinentalen Atomraketen stehen exemplarisch für die halbe Aufklärung.
Die unverblümte Bevorzugung der technischen Nützlichkeit war ein Reflex auf den Schock der Französischen Revolution. Nachdem nun auch die Reste der Russischen Revolution abgeräumt werden, fühlen sich diejenigen bestätigt, die schon immer gegen gesellschaftliche Experimente waren. Aus der Naturwissenschaft, genauer: der Biologie, könnten sie aber lernen, dass eine Art, die sich den veränderten Umständen nicht beizeiten anpasst, in ihrer Existenz bedroht ist.
Ein Beispiel:
Während hierzulande für jede noch so bescheidene Tätigkeit zumindest ein Einstellungstest zu bestehen, möglichst eine Ausbildung mit gutem Zeugnis vorzuweisen ist, genießen Eltern, die nicht selten selbst noch Kinder sind, einen unüberziehbaren Kredit auf ihren Erziehungsinstinkt, der wohl meist nur bei leiblichem Nachwuchs anspricht, weshalb Adoptionen und andere Erziehungsverhältnisse an strenge Auflagen gebunden sind. Wenn's zu spät ist, gehen Eltern zur Erziehungsberatung, manchmal. Einstweilen sollen in den Schulen die aus der untersten Plunderlade hervorgekramten Kopfnoten das irgendwie geahnte, keinesfalls erkannte Defizit kompensieren. An anderer Stelle haben Ethikkommissionen diese Aufgabe übernommen. Man ist nicht untätig.


<< mehr auf www.weltwissen.com

<< zurück