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2 Weltsprache


Weltsprache
Jedes Kind weiß, dass Englisch die Weltsprache ist. Und freut sich darauf, sie zu lernen. Mit 10 spätestens darf es. Warum und wozu es die world language gibt, wird beizeiten im Unterricht thematisiert, um bei womöglich einsetzender Motivationsflaute wieder für frischen Wind zu sorgen.
Nun ja, am überzeugendsten ließe sich mit der Mehrheit argumentieren, der Mehrheit der Sprecher/innen, aber das geht leider nicht, weil in einigen Jahren schon ebenso viele Menschen Spanisch sprechen wie Englisch; auch Hindi, die dominante Sprache Indiens, wird kräftig zugelegt haben, ganz zu schweigen von Chinesisch, das bereits jetzt doppelt so viele Sprecher/innen hat wie Englisch.
Obschon die Anzahl der Anglophonen von Jahr zu Jahr steigt, sinkt ihr prozentualer Anteil an der Weltbevölkerung. Doch die Menge ist etwas anderes als die Qualität.
Freilich, der Wohlklang des Englischen kann z. B gegen das Italienische nicht punkten. Mag das Geschenk an den Rest der Welt auch nicht besonders schön sein, praktisch ist es, sagt man, und das sei für eine Weltsprache wichtiger als Musikalität.
Esperanto nähert sich in Aussprache und Intonation dem Italienischen, ist auch grammatikalisch leicht zu packen, doch die Kunstsprache hat keine breite natürliche Basis an Sprechern und Fürsprechern, Englisch hingegen hat sie.
Zugegeben, Schüler/innen haben nach anfänglicher Begeisterung für the world language bald Probleme mit ihr, vor allem in der Rechtschreibung. Selbst Leute vom Fach sollen bisweilen Zweifel beschleichen, was die Alphabetisierung des globalen Idioms betrifft. Böse Zungen behaupten schon, die Weltsprache Englisch bewege sich, gestützt auf die Krücken der Transkription, konsequent rückwärts in Richtung Bilderschrift.
Esperanto dagegen wird durchweg phonetisch geschrieben, pro Phonem oder Laut ein Zeichen. Das ist praktisch und logisch. Doch Esperanto hat bekanntlich keine breite natürliche Basis an Sprechern und Fürsprechern, Englisch hingegen hat sie.
Es ist kein Geheimnis, dass Englisch nicht etwa in einem demokratischen Verfahren zur Weltsprache gewählt wurde, sondern ganz ähnlich wie die Welteroberersprache Latein auf altrömische Manier durch Eroberungen und Kolonisierung expandierte.
Aber welche andere Sprache hätte schon ihren Geltungsbereich durch faire Abstimmung ausgedehnt? Sogar die keiner imperialistischen Expansion verdächtigen Nationalsprachen sind aus dominanten Dialekten hervorgegangen, das heißt, durch Verdrängung regionaler Varianten. Das Angelsächsische war nur etwas erfolgreicher.
Klar, die Bevormundung einzelner Provinzen zuerst und ganzer Weltregionen zuletzt war eine Untat. Ein Akt des Niedermachens und Erstickens. Doch danach geschah das Wunderbare. Eine Metamorphose. Aus dem unguten Wurm, der Untat, wird ein schöner Schmetterlind, die Wohltat der Verständigung über weite Entfernung hin.
Nun ist unleugbar, dass jede natürliche Sprache Gefäß und Ausdruck einer Kultur ist. Die bevorzugte Rolle der Weltsprache impliziert daher den Export ihrer kulturellen Ladung in alle Welt. Jede Lektion transportiert etwas von der Mentalität, Lebensweise, Rechtsauffassung, Wirtschaftsweise und Gesellschaftsordnung des native speaker. Es stellt sich die Frage: Überragt die Anglophonie kulturell so klar den Rest der Welt, dass ihr mächtiger Einfluss auf die künftige Weltkultur gerechtfertigt erscheint? Schon tief im Westen meldet sich Zweifel, etwa in Frankreich und Spanien.
Mit Esperanto ließe sich auch diese Klippe leicht umschiffen; aber wie wir längst wissen, hat Esperanto keine hinreichende Basis, dem Englischen hingegen verdankt die Menschheit erst einmal die Wohltat der Möglichkeit globaler Verständigung.


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