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1 Weltkalender


Der goldene Westen hat's, hat's im Überfluss, wovon andere nur träumen. Er kann es sich leisten, den Rest der Welt mit Geschenken zu überschütten. Mit Barem, Naturalien, Umschuldungen zum Beispiel, mit technischem Gerät und Know-how von der Wasserversorgung bis zur Regierungsberatung.
Unter all den bedeutenden Gaben ist der christliche Kalender auf den ersten Blick ein eher schlichtes Ding. Auf den zweiten Blick aber erweist er sich als kostbarer denn so manches begehrte Stück, erleichtert er doch die Koordinierung der Verteilung der Geschenke enorm.
Damit nicht genug, verbindet die christliche Chronologie das Nützliche mit dem Schönen. Denn mit dem westlichen Kalender beschert der Westen dem Rest der Welt die Möglichkeit der Teilhabe am globalen Weihnachtsgeschäft und jetzt auch am Rummel um das Millennium.
Die überwältigende Mehrheit der Weltöffentlichkeit widmet sich hingebungsvoll dem Kalenderknick, mag auch eine Handvoll kritischer Chronologen nicht ablassen dazwischenzurufen, dass hier ein Irrtum vorliege: das nächste Jahrtausend beginne erst ein Jahr später als die Feiern der Nullen, nämlich am ersten Januar 2001.
Solche besserwisserische Belehrung trifft auf taube Ohren; denn der Brauch, das weiß jedes Kind, feiert die runden Zahlen, die mit den Nullen.
Durch mathematische Spitzfindigkeiten bringt man die Jubelfront nicht ins Wanken.
Noch weniger mit dem Gemäkel über einen Mönch, der sich vor anderthalb Jahrtausenden bei der Einführung der christlichen Zeitrechnung angeblich verrechnete.
Wenn es nach den Recherchen und Kalkulationen der Creme der Chronologen ginge, hätten wir das Millenniumsjubiläum glatt verschlafen und müssten alle Jahreszahlen um sieben nach oben verschieben. Das stelle man sich mal vor: Die Menschheit hätte jahrelang nichts anderes zu tun als all die handgeschriebenen, gemeißelten, geschnitzten, gemalten und gedruckten Jahrzahlen um sieben zu verschieben, nicht zu vergessen die filmisch, elektronisch, digital und mental gespeicherten!
Nichts da! Die überwältigende Mehrheit lässt sich von ein paar Experten den Spaß nicht verderben. Standhaft bleibt sie dabei: 2000 ist das Jubeljahr.
In Karnevalslaune erlaubt sie den Besserwissern sogar, ihre verqueren Ansichten einem großen Publikum zu präsentieren. Das wird ein Extragaudi, wenn so ein kauziger Chronologe aus seinem akademischen Orchideenversteck hervorkommt, ins grelle Licht der Fernsehkameras blinzelt und erklärt, unser guter alter Kalender sei im Grunde nichts anderes als ein arg ramponiertes Beutestück der Römer, das diese beim Raubzug durch Ägypten aufgetrieben hätten. Was aber am Nil noch das Regelmaß von zwölf gleich langen Monaten zu je 30 Tagen hatte, sei am Tiber zur römischen Willkür der Monatslängen verkommen, die wir uns noch immer gefallen ließen.
Und weil der Zeitrechner seine Narrenfreiheit allmählich genießt, lässt er sich von der guten Stimmung mitreißen und trägt seine Idee einer Kalenderreform vor. Der altägyptische Sonnenkalender sei der älteste und klarste, verdiene darum als Weltkulturerbe zum Fundament des Reformkalenders gemacht zu werden. Nur mit den Jahreszahlen müsse neu gerechnet werden. Die Zeitschiene habe vor 2000 Jahren ein Loch, weil das Jahr 0 nicht existiere. Dadurch werde das Rechnen über das Loch hinweg unnötig schwierig. Ein Weltkalender, der den Namen verdiene und gegenwärtigen wie künftigen Ansprüchen genüge, überspringe die unzeitgemäße Lücke durch den Beginn vor 12 000 Jahren, anknüpfend an zwei Weltereignisse: das Ende der Eiszeit und den Anfang der Dorfkultur.
Nicht wenige Beschwipste applaudierten. Die Anderen gönnten dem kuriosen Büttenredner eine höfliche Rakete.
Außerhalb der Saison bleibt es natürlich dabei, dass der Westen dem Rest der Welt mit dem Kalender etwas Unvergleichliches geschenkt hat. Japaner, Chinesen, Inder und andere hatten zwar schon ihren eigenen; aber den hatten sie sich mühsam erarbeiten müssen, nur der westliche ist geschenkt.



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