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5 Tausend Jahre Deichbau


In einer niederländischen Zeitung stutzte ich bei dem Satz: "Die Niederländer leiden an 'sozialer Höhenangst'."
Das wollte witzig sein, zugleich kritisch, gesellschaftskritisch. Aber was ist das für ein Leiden, wenn die vorhandenen sozialen Unterschiede nicht so offen zur Schau gestellt werden wie anderswo? Wenn eher an den Nutzen als ans Protzen gedacht wird? Wo Deiche gebaut werden statt Pyramiden.
Der Kritiker hält seinen Landsleuten vor, sie neigten dazu, alle sozialen Unterschiede einzuebnen. Nun bin ich nicht dauernd in Holland wie er, aber vielleicht habe ich bessere Vergleichsmöglichkeiten.
Mir ist aufgefallen, dass in den Niederlanden alle, die irgendeine Schule besuchen, "studieren". Vom Schulanfänger bis zum Doktoranden. Daraus könnte man, wenn man denn wollte, eine Aufwertung der Schülerarbeit oder aber eine Abwertung des Studiums an der Hochschule heraushören. Ebenso kann man, wenn man denn will, die zahlreichen Hilfen und Fördermaßnahmen deuten, mit denen Problemschülern unter die Arme gegriffen wird: als Beweis für die Angst vor sozialen Unterschieden.
Wenn ich Niederländern erstmals begegne, zum Beispiel auf einem Kongress, ist die Anrede in der Regel "du". Als wenn es die sozialen Unterschiede nicht gäbe zwischen Student und Studienrat oder Schulleiter und Professor. All die mehr oder minder mühsam erworbenen Titel werden lächelnd beiseite geschoben. Sind das nicht bedenkliche Anzeichen? Riecht das nicht deutlich nach Revolution? Nach Gleichheit und Brüderlichkeit kurz vor der Proklamation?
Wer so die Dinge wahrnimmt, verkennt die Niederländer und bekennt sich vielleicht eher zum stets unverschämter agierenden Sozialdarwinismus.
Wie alle Menschen tragen natürlich auch die Niederländer das Erbe der Primaten in sich, die auf die Bäume stiegen, um zu imponieren oder süßere Früchte zu ernten, um vor Gefahr zu fliehen oder einfach, um Ausschau zu halten. Daher gibt es selbstverständlich auch in der niederländischen Gesellschaft den bekannten Aufbau etlicher Stockwerke übereinander.
Was aber die Niederländer vergleichsweise auszeichnet, ist ihre Neigung, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und auf dieser Ebene etwas zuwege zu bringen, statt sich an Formalitäten, alten Zöpfen und Luftschlössern aufzuhalten. Und sie sind an Kooperation gewöhnt. Seit, sagen wir, 1000 und etlichen Jahren. Die Tradition reicht zurück in die Erfahrungswelt der Fischer und Deichbauer. Sie hat in der niederländischen Geschichte ein ähnliches Gewicht wie die des Militärs in Preußen.
Stell dir vor, im Bundestag würde die Fraktionsvorsitzende einer kleineren Oppositionspartei offiziell verabschiedet. Stell dir vor, der Kanzler nähme pflichtgemäß an der Feier teil und verabschiedete die Kollegin per du und nach freundlichen Worten zum Schluss mit einem Kuss. Unvorstellbar? Im niederländischen Parlament konnte ich diese Szene neulich im Fernsehen verfolgen.



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