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4 Vom Geist der Gesetze


So etwas wie den Duden gibt es in den Niederlanden nicht. Oft kann man zwischen zwei, drei Schreibweisen wählen, in Wörtern wie "thee" und "thermometer" zum Beispiel das h hinter dem t weglassen oder in Verben wie "elektrisieren, terrorisieren" das s durch ein z ersetzen. In der Summe handelt es sich um Tausende ähnlicher Varianten. Bei so viel orthografischer Toleranz fällt es der Staatsgewalt natürlich schwerer, nach dem Buchstaben des Gesetzes zu handeln.
So wird zum Beispiel das Drogenproblem in den Niederlanden anders angegangen als in den meisten anderen Ländern. In größeren Städten gibt es die "Koffieshops", in denen leichte Drogen so selbstverständlich angeboten werden wie eine Tasse Kaffee.
Hierzulande hat man wenig Verständnis für die niederländische Drogenpolitik. Ginge es nach Vernunft und Gewissen, wäre kein einziges Zivilisationsgift zulässig. Solange aber hochprozentige Spirituosen überall frei im Handel sind, gibt es kein rationales Argument gegen die Praxis der Koffieshops.
Trotzdem war ich ein wenig überrascht, als mir ein niederländischer Kollege auf einer internationalen Tagung erklärte, in seinem Garten wachse Cannabis. Die kleine Hanfplantage habe sein Sohn für den Eigenbedarf angelegt.
Doch dann fragte ich mich, warum der Mann seinem erwachsenen Sohn nicht den gelegentlichen Trip gestatten sollte. Ist nicht womöglich der Zigarettenkonsum meiner erwachsenen Tochter schädlicher?
In den Koffieshops finden sich übrigens auch Besucher aus der Bundesrepublik ein. Ein gewisser Prozentsatz der aus dem östlichen Nachbarland Einreisenden sucht weder ein Museum noch einen Jachthafen, sondern einen Koffieshop oder auch eine Klinik zum Schwangerschaftsabbruch. Und wird in der Regel fündig.
Wenn mich jemand fragt, wie die besondere niederländische Rechtsauffassung und -praxis mit einem Land vereinbar sei, das den Internationalen Gerichtshof beherbergt, beginne ich meist mit der Geschichte der Waage von Oudewater(sprich: audewater). Die kleine Stadt bei Utrecht wurde vor 500 Jahren zum Geheimtipp für Leute, denen ein Hexenprozess drohte.
Ein Instrument, die Angeklagten der Hexerei zu überführen, war eine Hexenwaage. Zeigte sie ein Superleichtgewicht von nur wenigen Gramm an, so stand das Todesurteil fest: Verbrennung bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen.
Weil offenbar auf die Eichung der deutschen Waagen kein Verlass war, zog es nicht wenige aus den Bistümern Münster, Köln und Paderborn in die Niederlande nach Oudewater. Dort wog der städtische Waagemeister die Leute exakt auf Pfund und Gramm. Und der Stadtschreiber stellte ihnen eine entsprechende Urkunde aus. Das kostete einen Groschen und schützte. Viele Verdächtige konnten zuhause mit der Urkunde im Schrank wieder etwas ruhiger schlafen.


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