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3 Sprechen Sie Niederländisch?


In meiner Schulzeit folgten die Bildungspolitiker noch einem einfachen Plan: Nur Weltsprachen waren es wert, unterrichtet und gelernt zu werden. Tot oder lebend, nah oder fern, das waren zweitrangige Fragen. Aber Weltsprachen, das heißt, Welteroberersprachen mussten es schon sein. Europäische, versteht sich.Vom Begriff Nachbarsprache hatte man nicht die leiseste Ahnung, geschweige denn von der Praxis nachbarsprachlichen Unterrichts.
Meine erste Lektion in der Nachbarsprache Niederländisch stand denn auch in keinem Lehrbuch, und der Lernraum war keine Schulklasse, sondern eine Jugendherberge in Amsterdam, genauer: ein Schlafsaal der Jugendherberge.
Abends. Das Licht ist bereits gelöscht. Die Jungen in den restlos belegten Betten haben noch das eine oder andere vom Tage zu berichten. Leise, natürlich, und meist nur von Nachbarbett zu Nachbarbett.
Unweit von mir wird vernehmlich deutsch geflüstert. Einer sagt, er sei im Rembrandthaus gewesen. Er versucht's auf Niederländisch und sagt Rembrandthäus. Seine Aussprache löst bei den andern Fragen aus. Heißt das nicht "huus" oder "hüüs"?
Einer, der es wissen muss, ein Junge mit niederländischem Akzent, gibt die Antwort. "Rembrandthuis"(zu sprechen: höis, mit offenem ö wie in 'öffnen'), sagt er. Aber alle Versuche der deutschsprachigen Jungen, das Wort mit dem ungewohnten Doppellaut nachzusprechen, misslingen. Der Experte warnt ausdrücklich, es nicht so auszusprechen wie die erste Silbe von 'häuslich'; doch jedesmal folgt dem mustergültig vorgesagten "huis" nur so etwas wie ein verzerrtes Echo: "häus".
Solches und anderes lebendige Lernen vor Ort verhalf mir nach und nach zu einer gewissen Vertrautheit mit der Nachbarsprache. An einem völlig verregneten Inseltag auf Texel wagte ich, ein Buch aus dem Vorrat der Jugendherberge in die Hand zu nehmen. Ich wollte wissen, ob ich den Text einigermaßen verstehen konnte. Nach zwei mühsam durchstolperten Seiten stellte ich den Band wieder ins Regal zurück. Die Fragezeichen und Unsicherheiten waren zu groß. Der erste Anstoß, die Sprache systematisch zu studieren.
Ein Tourist braucht in den Niederlanden praktisch keine Kenntnis der Landessprache. Die meisten Leute sprechen deutsch. Das haben sie teils in der Schule gelernt, teils durch die fast nie synchronisierten Filme , teils im Berufsalltag. Die BRD ist der wichtigste Wirtschaftspartner Hollands.
Auf deutscher Seite ist man weit davon entfernt, zumindest in den Grenzregionen, wo die Nachbarsprache zum Alltag gehört, für eine gewisse Symmetrie in der Sprach- und Bildungspolitik zu sorgen.
Wie sehr der Ökonomismus und die Weltsprachenschablone noch immer die Bildungspolitik bestimmen, demonstrierte der niederländische Minister für Wissenschaft und Unterricht im vergangenen Jahr mit seinem Vorschlag, die Universitäten des Landes künftig zu einer englischsprachigen Enklave zu machen. (Inzwischen gibt es die Enklaven längst auch hierzulande.)


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