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2 Ins Landesinnere


Meine Schulzeit in der Grenzstadt ging zu Ende, ohne dass in 13 langen Jahren dem Nachbarland besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden war. Achwo, es war überhaupt kein Thema. In den 50er Jahren war das ganz normal. Die Lehrpläne wurden nicht an der Grenze gemacht. (Das werden sie heute auch nicht) Die benachbarten Niederlande blieben uns Schülern so unbekannt wie Patagonien und Kamtschatka. Jedenfalls nach dem Pensum der Bildungsanstalt.
Privat hatten wir durchaus die Möglichkeit, uns ein Bild vom Nachbarland zu machen, wo es samt Zollkontrolle und Schlagbaumhochkurbeln nur eine dreiviertel Stunde dauerte, bis wir per Rad in der nächstgelegenen niederländischen Stadt waren. Wir nutzten diese Möglichkeit. Später auch die, mit dem Zug binnen 2 Stunden Amsterdam zu erreichen.
Jedesmal, wenn ich die Schlagbaumhürde genommen hatte, fand ich mich in einer anderen, besseren Welt. Die Landschaft erschien offener und aufgeräumter, der Himmel heller und weiter. Die ersten Möwen in der Luft und die blauweißen Wegweiser an den Straßenkreuzungen zeigten in Richtung Küste. Die Bauernhäuser mit den strahlend weißen Fensterrahmen und die Bürgerhäuser mit den großen Fenstern ohne Gardinen, sodass der Blick durchs Haus bis in den Garten ging, sie waren die Vorboten.
Wenn dann die Waldkulissen und Anhöhen aufhörten, den Blick zu verstellen, und sich Fernsichten bis zum Horizont öffneten, waren wir angekommen im Land am Meer.
Über die glatte grüne Fläche hält sich hartnäckig das Vorurteil, sie sei abwechslungslos und eintönig. Doch sieht, wer es so sieht, bloß die kahle grüne Bühne, hat aber keinen Blick für das Schauspiel.
Wie auf See und im Hochgebirge beherrschen Wind und Wetter die rasch wechselnde Szenerie. Und die holländischen Lichtgebirge gehören zu den höchsten und imposantesten. Wer glaubt, mit dem Wort Tiefland sei schon alles gesagt, hat nicht erkannt, dass die Niederlande eine tiefe Verneigung vor dem Licht sind. Um das zu sehen, musst du tiefer im Westen und näher bei den blinkenden Wasserflächen, den weißen Schiffen und den farbenfrohen Märkten in die Tempel des niederländischen Lichtkults gehen, in die Museen und Galerien der Malerei.
Eine Sennerin sagte mir mal, als ich die Aussicht von der Berghütte genoss, im Jahr davor sei ein Holländer heraufgekommen, der sich nicht habe sattsehen können am ungewohnten Panorama. Er habe sich für eine ganze Woche einquartiert und jeden Tag immer nur geschaut.


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