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1 Am Anfang war die Grenze


Einer meiner Urgroßväter war ein Holländer. Aber der Mann ist mir nur vom Hörensagen bekannt. Ich erwähne ihn vollständigkeitshalber und aus der Verlegenheit, dass ich lange auf den ersten Niederländer, der mir leibhaftig gegenüberstand, warten musste.
In meiner Kindheit soll ich beim Schmuggeln geholfen haben, wenn meine Mutter mit mir über die Grenze fuhr, um einzukaufen. Ich bin nämlich in unmittelbarer Nähe der Grenze aufgewachsen. Vom Küchenfenster aus hätte ich ins Nachbarland hineinsehen können, wenn der Grenzwald nicht den Blick versperrt hätte.
Aber was waren das für Zeiten vor einem halben Jahrhundert! Die Leute folgten einem Irren, der in 500 km Entfernung den Krieg befohlen hatte. Und das Wort Ausländer bekam seine feindselige Ladung.
Einmal beim gemeinsamen Blaubeersammeln im Grenzwald verlief ich mich. Als ich merkte, dass keine Verwandten und Bekannten mehr zu sehen waren, rannte ich in panischer Angst und nach meiner Mutter rufend los. Ich war vier oder fünf. Endlich traf ich auf einen Grenzer, der mich zu meiner Gruppe zurücklotste. Noch unheimlicher wurde die Grenze, als sie nach dem Krieg im Niemandsland lag.
Erst einige Jahre später radelte ich regelmäßig zum Einkauf "nach Holland", wie das hieß. Der Kaufmann im Geschäft gleich hinter dem Schlagbaum war der erste Niederländer, den ich kennen lernte. An jedem Wochenend füllte sich der Lebensmittelladen mit deutschen Kunden, die vieles preisgünstiger kaufen konnten als in ihrer Stadt.
Während die Käufer dicht gedrängt vor der breiten Theke warteten, bis sie an der Reihe waren, gab der Ladenbesitzer auf der andern Seite seine immergleiche Pantomimevorstellung. Mit sparsamen Bewegungen trug er die gewünschten Waren zusammen, meist fertig Abgepacktes wie Tee, Kaffee, Zigaretten und Butter. Manches musste auch erst abgewogen und eingepackt werden wie Aufschnitt, Mehl und Zucker. Am Ausschlag des Zeigers der großen Waage auf dem Ladentisch konnten alle sehen, dass der Mann immer etliche Gramm zugab. Schließlich rechnete er mit dem Bleistift, der hinter seinem Ohr geklemmt hatte, auf dem Packpapier und nannte die Summe. Wenn Kunden aus dem Ruhrgebiet die niederländischen Zahlen nicht verstanden, wiederholte er den Betrag auf deutsch. Wortlos kassierte er, und wortlos sah er dann den nächsten Kunden an, damit der das Stichwort zur Fortsetzung der Pantomime gab.
Das Mienenspiel des Verkäufers war sparsam. Nur gelegentlich huschte ein Schmunzeln über seine Züge.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass mein erster Niederländer nicht in jeder Hinsicht repräsentativ war, eher ein Grenzfall.


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