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5 Gandhi in Britisch-Südafrika


Vor 100 Jahren lebten die meisten Inder Südafrikas in Natal. Dort am Indischen Ozean landeten die aus Indien kommenden Schiffe mit Kurs auf die Kapkolonie. Ihre Hauptfracht waren Kontrakt-Arbeiter, billige Gastarbeiter, Kulis genannt, die für die europäischen Zechen- und Plantagenbesitzer übers Meer geholt wurden.
Ein Kontrakt hatte gewöhnlich eine Laufzeit von 5 Jahren. Danach stand es den Sklaven auf Zeit frei, entweder unentgeltlich in ihre Heimat zurückzukehren oder aber in Natal zu bleiben. Viele machten Gebrauch vom Bleiberecht, und nicht wenige brachten es, besonders als Geschäftsleute, zu beachtlichem Wohlstand.
Mohandas Gandhi kam auf dem gleichen Seeweg nach Südafrika, aber er kam als Rechtsbeistand im Auftrag des indischen Unternehmens Abdulla & Co.
Der 24-jährige Anwalt ohne eigene Praxis hatte das Angebot, für Abdulla in Südafrika tätig zu werden, sofort angenommen, obwohl seine Bezahlung unter dem Satz eines Anwalts lag.
Es hielt den jungen Gandhi nichts in Rajkot, seinem Heimatort in der Küstenprovinz Kathiawar. Vielmehr war er froh, weggehen zu können, genauso froh wie 5 Jahre zuvor, als er nach Europa ging, um dort in England zu studieren.
Erwartungsvoll stand er an Deck, als der Dampfer in den Hafen von Durban einlief. Unter den übrigen Passagieren sah er eher europäisch aus in seinen blankgeputzten Schuhen und dem englischen Anzug mit weißem Stehkragen und Krawatte. Den Look hatte er sich gleich zu Anfang des Aufenthalts in London zu eigen gemacht. Offenbar gefiel ihm die britische Tracht besser als die indische.
Das Handelshaus Abdulla war in einen langwierigen Prozess gegen ein anderes indisches Unternehmen in Südafrika verwickelt. Für die Dauer des Rechtsstreits - man schätzte noch 1 Jahr - sollte Gandhi in der britischen Kapkolonie bleiben.
Gleich ein paar Tage nach seiner Ankunft in Natal hatte er in der Rechtssache in Pretoria zu tun, der Hauptstadt der benachbarten Burenrepublik Transvaal. Für die etwa 600 km lange Reise hatte die Firma mit einer Bahnfahrkarte 1. Klasse vorgesorgt. Außerdem war ihm geraten worden, eine Schlafwagenkarte zu lösen; zum einen, weil der Zug abends abfuhr, zum anderen, weil es öfter Ärger mit Europäern gab, die nicht mit einem Kuli im selben Abteil reisen wollten.
Vielen Europäern war nämlich der technische Fortschritt und die damit einhergehende Waffenüberlegenheit zu Kopfe gestiegen. Beim Versuch, ihre Weltherrschaft zu rechtfertigen, blähten sie den immer schon dümmlichen Dünkel Einzelner zum Nationalstolz eines ganzen Landes auf; und auf diesem Abweg verstiegen sie sich dann noch ein Stück höher zu der fixen Idee von der Überlegenheit und dem Vorrecht der Bleichgesichter.
Gandhi empfand sich als Bürger des britischen Weltreichs und meinte, auf die Bettkarte verzichten zu können. Er setzte sich in ein leeres Abteil 1. Klasse. In Maritzburg, der Hauptstadt Natals, hält der Zug und ein Europäer wirft einen Blick ins Abteil. Er entdeckt den Kuli und verschwindet wieder, um einen Moment darauf mit dem Schaffner zurückzukommen.
Die zwei Weißen stehen da und starren Gandhi wortlos an, bis wenig später noch ein zweiter Schaffner erscheint, der dem indischen Fahrgast unumwunden erklärt, er müsse das Abteil sofort verlassen; er gehöre in den Gepäckwagen.
Gandhi indes bleibt sitzen und zeigt seine Fahrkarte. Aber das macht auf die Drei überhaupt keinen Eindruck. Der eine Schaffner wiederholt nur drohend seine Aufforderung. Als auch das nicht hilft, ruft man die Polizei. Die fackelt nicht lange, packt den Fahrgast 1. Klasse beim Arm und zerrt ihn auf den Bahnsteig.
Gandhi weiß sich immer noch im Recht, aber er weiß auch, dass er machtlos ist. Die einzig mögliche Gegenwehr ist die Verweigerung. Er steigt nicht in den ihm angewiesenen Gepäckwagen. Er lässt den Zug einfach abdampfen und hat viel Zeit zum Nachdenken. Der nächste Zug fährt erst in 24 Stunden. Gandhi überlegt allen Ernstes, ob er seine Mission in Südafrika unter diesen Umständen nicht sogleich aufgeben soll. Doch was erwartet ihn in Indien? Wird man ihn dort nicht endgültig für einen Versager halten?
Er hat wieder die Gerichtsszene in Bombay vor Augen. Er versuchte sich erstmals als Anwalt. Als er an der Reihe war, sein Plädoyer zu halten, verschlug es ihm die Sprache. Kein Wort brachte er heraus. Mitten in der Verhandlung musste er den Fall an einen Kollegen abgeben.
Nach dem Reinfall war ihm nichts anderes übriggeblieben, als den Schriftkram zu erledigen, den sein Bruder für ihn abzweigte, damit er wenigstens etwas zum gemeinsamen Haushalt beitrug.
In diese bedrückend engen Verhältnisse, die durch die Erinnerung an seine Ehe auch nicht aufgehellt wurden, sollte er zurück? Nicht zu vergessen die religiösen Kleinkrämer seiner Kaste, die ihn schon wegen des Studiums in England ausgestoßen hatten.
Nein, er brauchte keine lange Bedenkzeit, um zu dem Schluss zu kommen, dass sein Platz in der britischen Kolonie am Kap der guten Hoffnung war.
Am folgenden Tag löste er eine Schlafwagenkarte und erreichte ohne die geringsten Unannehmlichkeiten den Grenzbahnhof Charlestown. Dort endete damals die Eisenbahnlinie. Für die Weiterfahrt hieß das: umsteigen in eine Postkutsche. Das unausweichliche Zusammenrücken der Reisenden barg neuen Konfliktstoff, zumal im Burenland Transvaal. Das fing schon gleich gut an:
Der Schaffner lehnt es rundweg ab, den Kuli mitzunehmen, weil angeblich etwas mit der Fahrkarte nicht stimmt.
Doch so leicht lässt sich dieser Kuli nicht abwimmeln. Er sagt dem Mann ein paar passende Worte und darf endlich doch mit, muss aber draußen neben dem Kutscher sitzen.
Gandhi akzeptiert, obschon es eine Zumutung ist. Mit seiner Karte hat er Anspruch auf einen Platz im Innern des Wagens.
Doch nach dem verlorenen Tag in Maritzburg will er jetzt erst einmal weiter. Der Klügere gibt nach, und die Kutsche rollt.
Nach einigen Stunden fällt dem Schaffner plötzlich ein, dass er selbst auf dem Bock sitzen will, den er Gandhi zugewiesen hat, nicht etwa, um die Plätze zu tauschen, sodass Gandhi den Komfort bekäme, der ihm zusteht. Nein, der Schaffner hat sich was Besseres ausgedacht. Der Kuli soll bitteschön mit dem Trittbrett vor dem Kutschbock vorliebnehmen.
Die Herabsetzung in des Wortes doppelter Bedeutung will Gandhi sich nicht bieten lassen. Er protestiert entschieden, wenn auch zitternd, denn er ahnt, wozu der Postschaffner fähig ist. Und richtig, der Kerl packt den seiner Meinung nach ungehörigen Kuli, um ihn gewaltsam vom Kutschbock zu ziehen. Gandhi wehrt sich, indem er sich mit aller Kraft an den Sitz klammert. Darauf schimpft und schlägt der andere auf ihn ein, bis die Mitreisenden es nicht mehr mit ansehen können und sich einmischen.
Der Einspruch der anderen Fahrgäste zwingt den Burenknecht zum Einlenken. Murrend lässt er von seinem Opfer ab, sucht sich aber gleich ein neues. Der auf der anderen Seite neben dem Kutscher sitzende "Kaffernboy" soll Platz machen, aber schnell. Und der Afrikaner, an vielerlei Erniedrigung und Misshandlung gewöhnt, gehorcht und setzt sich auf das Fußbrett.
Das war vor rund 100 Jahren und ist noch heute, Jahre nach dem Ende der Apartheid, ein Stück Alltag in Südafrika.
Der Kampf auf der Kutsche ist ein Bilderbuchbeispiel, das zeigt, wie das Unrecht zu überwinden ist. Gandhi jedenfalls muss unter aller Beleidigung und Unmenschlichkeit seinen Triumph, seinen Weg geahnt haben, muss wenigstens einen Bruchteil jener Kraft gespürt haben, die stärker ist als alle Gewalt.
Kaum in Pretoria angelangt, hat er, anders als in Bombay, jetzt den Mumm, eine Versammlung der Inder dort einzuberufen und seine erste öffentliche Rede zu halten. Er schließt mit dem Vorschlag, eine Gesellschaft zum Schutz der Inder in Südafrika zu gründen.
Der Beifall und die freundliche Aufnahme, die er bei seinen Landsleuten fand, bestärkten Gandhi in seinem Aufbruch.
Die besondere Situation der indischen Minderheit war genau das richtige Milieu, das er zu seiner Entfaltung brauchte. Den Unterschied zu Indien sah und fühlte er so klar, dass er nur mit Unbehagen an die Rückkehr dachte. Aber viel Zeit hatte er für derlei Gedanken nicht. Er nutzte das Jahr, um sich gründlich in die Gerichtspraxis einzuarbeiten; doch verfolgte er auch aufmerksam die politischen Vorgänge im Lande; nicht zuletzt fand er Freunde und machte wichtige Bekanntschaften. Alles in allem legte er in dem einen Jahr in Südafrika den Grundstein für sein Lebenswerk.
Rechtzeitig binnen Jahresfrist war der Prozess der Firma Abdulla durch einen Vergleich, den Gandhi angeregt hatte, zu aller Nutzen und Zufriedenheit beendet. Abdulla buchte für den tüchtigen Anwalt die Schiffsreise und lud in Durban zu einer Abschiedsgesellschaft ein.
Der so ehrenvoll zu Verabschiedende konnte sich allerdings noch immer nicht mit dem Gedanken anfreunden, Südafrika nun tatsächlich zu verlassen. Warum sollte er dem Land den Rücken kehren, das ihm so viel Möglichkeiten bot? Etwa bloß, weil es der Schaffnerin Zeit in den Kram passte?
Vor der ihm zu Ehren versammelten indischen Prominenz griff er die Idee wieder auf, die er in seiner Ansprache in Pretoria vorgestellt hatte: Schutz der Rechte der Inder in Südafrika. Damals hatte er Beifall geerntet. Jetzt in Durban verstand er es, den Geschäftsleuten die bedrohte Rechtslage der Inder so eindrucksvoll zu schildern und dann auch seinen Plan zu ihrem Schutz so einleuchtend darzustellen, dass die Versammlung ihn sogleich mit der Wahrnehmung der indischen Interessen beauftragte.
Gandhi hatte erreicht, was er wollte. Er konnte bleiben. Doch niemand, auch er selbst nicht, ahnte, dass sein Aufenthalt in Südafrika noch fast 20 Jahre dauern sollte.
Er hatte nicht grundlos gewarnt. Noch im selben Jahr, 1894, verschlechterte sich die Lage der indischen Kontrakt-Arbeiter gravierend. Von jedem, der nach Ablauf der 5 Jahre im Land zu bleiben wünschte, verlangte die Kolonialverwaltung plötzlich eine Kopfsteuer von 3 Pfund im Jahr. Der Monatslohn der Leute lag bei 14 Schilling. Die Neuregelung lief darauf hinaus, Inder nur noch als Kulis zu dulden. Ein klarer Fall von Apartheidsunrecht, ohne dass es den rassistischen Begriff schon gab.
Gandhi organisierte den Widerstand durch Gründung des Interessenverbands "Natal Indian Congress". Auch eröffnete er nun in Durban sein eigenes Anwaltsbüro. Nach dem Erfolg im Abdulla-Prozess und bei seinen guten Beziehungen zu indischen Geschäftsleuten in Südafrika waren die Startbedingungen günstig. Der Pressewirbel, der sich um die Zulassung des farbigen Anwalts drehte, machte Gandhis Namen darüber hinaus rasch bekannt. So kam es, dass der Versager aus Bombay nun in Durban äußerst erfolgreich war. Schon bald konnte er es sich leisten, in eine englische Villa im teuersten Viertel der Stadt zu ziehen. Mit 5000-6000 Pfund im Jahr verdiente er das 400fache eines Kontrakt-Arbeiters. Erst um die Jahrhundertwende brach Gandhi aus der Rolle des verwöhnten und verwestlichten Aufsteigers aus.
Als die Europäer am Kap gegeneinander Krieg führten, stellte er sich loyal auf die britische Seite, aber nicht als Soldat. Er bot seine Dienste als Sanitäter an, und es gelang ihm, mit ca. 1000 indischen Rotkreuz-Freiwilligen die Sympathie der Briten zu erringen. Doch zu mehr als öffentlichem Lob und etlichen Kriegsorden reichte es auch bei den siegreichen Briten in der indischen Frage nicht.
Als Gandhi noch ein zweites Mal die britische Uniform getragen hatte, zeichnete sich 1906 sogar ein erneuter Angriff auf den Status der Inder ab. Sie sollten sich ausnahmslos registrieren lassen - bei Androhung hoher Strafen im Unterlassungsfall.
Auf einer Massenversammlung in Johannesburg ruft Gandhi seine Landsleute zum passiven Widerstand auf. Es kommt zu Massenverhaftungen. Auch Gandhi landet im Gefängnis. Der Kampf für die indische Sache tritt damit in seine entscheidende Phase.
Die Inder konnten keine Divisionen ins Feld führen. Ihre Stärke und damit der Ausgang des Kampfes waren schwer zu bestimmen. Alles hing von zwei Faktoren ab: dem Nationalgefühl der Inder und der Leitung im Kader. Eines so indisch wie das andere. Darum gab Gandhi der Widerstandsbewegung auch einen indischen Namen.
Westliche Bezeichnungen wie passiver Widerstand oder ziviler Ungehorsam wecken falsche Vorstellungen. Sie entstammen einem ganz anderen Umfeld.
Die Besinnung auf die indische Tradition war für Gandhi nichts Neues. Schon als Student in London hatte er die Gita für sich entdeckt, die Hindu-Bibel, die er später täglich las. Aber erst nach der Jahrhundertwende und dem Burenkrieg tritt allmählich seine Abkehr vom Westen und sein Bekenntnis zu Indien sichtbar in Erscheinung, gleichzeitig mit dem erstarkenden Nationalismus in Indien.
1905 gründete Gokhale "Die Gesellschaft der Diener Indiens". Gandhi notierte, es sei das größte Glück, im Interesse und zum Wohl des eigenen Landes und seiner Religion zu kämpfen. So gesehen war der Mahatma ganz Kind seiner Zeit, des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.
Was freilich diesen Nationalisten von anderen unterscheidet und ihn auszeichnet, ist die Art und Weise seiner Kampfführung.
Statt auf puren Machtgewinn zu setzen, auf Besitz, Rüstung und Eroberung, bereitet Gandhi sich und seine Mitstreiter darauf vor, innere Stärke zu beweisen und auf die Kraft der Wahrheit zu vertrauen.

Er nennt die Widerstandsbewegung "Satyagraha", das ist "Kraft der Wahrheit". Ein Mitkämpfer oder Satyagrahi verteidigt das Recht, indem er Leiden auf sich nimmt, seine Gegner aber möglichst schont. Gandhi geht als Vorbild voran.
Im Verlauf der 2 Jahrzehnte in Südafrika schafft er es, sich Schritt für Schritt in einen Satyagrahi zu verwandeln.
Eine deutliche Wendemarke in seinem Leben war die Gründung der Phoenix-Farm bei Durban 1904. Der wohlhabende Anwalt kauft ein etwa 25 Hektar großes Stück Land und wird zum Teilzeit-Farmer. Er pendelt zwischen der Kanzlei in der Stadt und der Farm in der Wildnis. Was nach Wochenendromantik aussehen könnte, war in Wirklichkeit ein Anlauf, sein Leben radikal zu ändern, nicht auszusteigen aus der Gesellschaft, sondern Ernst zu machen mit Yoga.
Gandhi erwarb das Land nicht, um sich in der Freizeit landmännisch zu betätigen. Gemeinsam mit Familienangehörigen, Freunden und Mitarbeitern zieht er in die Wildnis, um das einfache Leben zu proben und zugleich der indischen Sache zu dienen. Jeder Farmbewohner ist verpflichtet, an der Herstellung der Zeitung "Indian Opinion" mitzuwirken, die Gandhi noch vor dem Umzug gründete.
Einfaches Leben hieß auf der Phoenix-Farm: ora et labora, bete und arbeite. Es hieß auch: nähre dich redlich, nämlich streng vegetarisch, möglichst von den Früchten der eigenen Arbeit auf der Farm.
Westliche Medizin und Schulbücher waren verbannt. Im Krankheistfall verordnete der Farmbesitzer naturheilkundliche Kuren, und auch den Unterricht für die Kinder auf der Farm erteilte der Meister selbst.
Verzicht auf moderne Wissenschaft und Technik, stattdessen die Rückkehr zur gemeinschaftlichen Lebensform mit viel Handarbeit und einer allesbeherrschenden Religion: War das nicht eine hoffnungslos veraltete, romantisch verbrämte Sackgasse?
Der Fall liegt nicht so simpel, wenn wir die Phoenix-Farm als ein Experiment betrachten, ganz im Sinne Gandhis übrigens, der seiner Biographie den Untertitel gab: "Experimente mit der Wahrheit".
Er versuchte, die Wahrheit, wie er sie verstand, in Einklang zu bringen mit dem Leben, kurz: Yoga zu üben.
Das indische Wort heißt ursprünglich "Joch" und steht für die Kunst, das Selbst vom Joch des Allzumenschlichen zu befreien.
Gandhis Satyagraha ist überhaupt nur zu verstehen, wenn man darin auch das Gebot indischer Religion sieht, das Grundgebot, das unterschiedslos gilt, im Alltag ebenso wie im politischen Streit. Es ist das Gebot der "Ahimsa", das Verbot zu verletzen. Dagegen nimmt sich das christliche Tötungsverbot aus wie eine barbarische Vorstufe. Dem frommen Inder sind eben nicht nur die Kühe heilig, wie man im Westen sprichwörtlich sagt und belächelt, sondern das Leben überhaupt. Im Westen kommt Albert Schweitzers "Ehrfurcht vor dem Leben" der indischen Haltung am nächsten.
Im Übrigen tun wir Westler uns schwer, das Gebot der Ahimsa zu verstehen. Es ist ähnlich wie mit der Null in der Mathematik, auch so eine schwer zu begreifende Größe, die wir der Eingebung indischer Denker verdanken. Ohne sie wäre unsere Rechnerkunst nicht, was sie ist.
Ahimsa ist in ihrer Einfachheit als ethische Größe vergleichbar mit dem mathematischen Grenzwert. Nicht verletzen! bringt das Gewissen auf den Punkt, wo es rein ist wie der Nullpunkt der Zahlenskala.
Die barbarische Gewaltmaschinerie der westlichen Technik hat sich in den Weltkriegen und anderen gezeigt und zeigt sich noch in der ungehemmten Zerstörung der Lebensgrundlagen des Planeten. Gandhis Technikfeindlichkeit war insofern begründet. Aber er machte dann doch eine bemerkenswerte Ausnahme: Auf die westliche Nachrichtentechnik mochte er nicht verzichten. Seine Zeitung wurde auf der Phoenix-Farm gedruckt. Er brauchte für seinen politischen Kampf das Mitwissen und Mitgefühl der Welt. Anteilnahme und Einspruch der Mitreisenden in der globalen Kutsche waren nur über die Mithilfe der Massenmedien zu erreichen.
Die Presse war der westliche Anteil der Satyagraha-Bewegung.
Als die südafrikanische Regierung 1913 erneut die indische Minderheit diskriminierte, war Gandhi auf den Kampf besser vorbereitet als je zuvor. Inzwischen lebte er als Mittvierziger nur noch für die indische Sache. Seine Kanzlei hatte er aufgegeben. Mehr noch: Er hatte in einem Gelübde auf jedes Eigentum verzichtet. Insgesamt ging es auf der Tolstoj-Farm, die einreicher Freund gestiftet hatte, noch asketischer zu als vorher auf der Phoenix-Farm. An ein Leben ohne Luxus gewöhnt, konnten die Mitglieder der neuen Gemeinschaft Haftbedingungen leicht ertragen. Nach ihrem Verständnis war der Kerker das eigentliche Kampffeld, auf dem sie ihre innere Stärke und die Kraft der Wahrheit endlich beweisen konnten.
Am 14. März 1913 sorgte ein Urteil des Obersten Gerichtshofs für Unruhe. Danach sollten alle nicht-christlichen Ehen ungültig sein. Wieder waren davon vor allem die Inder betroffen. Nach der Kopfsteuer, der Zwangsregistrierung und dem Einwanderungsverbot nun ein Angriff auf die Religion. So fasste Gandhi das Gerichtsurteil zumindest auf.
Seine Antwort war wohldurchdacht. Er schickte eine Frauengruppe von Natal nach Transvaal, ohne die nötigen Papiere, versteht sich. Denn sie sollten ganz bewusst ins Gefängnis wandern. Die Buren waren berechenbar. Sie verhafteten jeden Farbigen, der illegal einzureisen versuchte. Das klappte wie geplant. Nun zog eine zweite Frauengruppe von Transvaal nach Natal, in Gegenrichtung also, über die Grenze. Sie kam erwartungsgemäß unbehelligt durch und wanderte weiter zum Zechenrevier bei Newcastle. Da agitierte sie unter den indischen Bergarbeitern und rief zum Streik auf.
Es dauerte nicht lange, bis auch diese Frauen hinter Gittern waren. Ihre Verhaftung löste den Streik aus, zu dem sie aufgerufen hatten.
Nun sah Gandhi den Zeitpunkt gekommen, selbst einzugreifen. Er fuhr nach Newcastle mit dem Plan, die streikenden Kumpel nach Transvaal zu führen. Das würde ein sensationeller Demonstrationszug, der die Regierenden in die Verlegenheit brächte, Tausende einsperren zu müssen.
Die Streikenden machten mit, nicht aber die Regierenden. Man ließ den Zug einfach ins Leere laufen und bescherte Gandhi die Verlegenheit: Was tun mit den Tausenden?
Er nahm Kurs auf die Tolstoj-Farm. Aber dann gingen die Sicherungen der Regierenden doch durch, und im nächsten Ort trieb die Polizei die Demonstranten in bereitgestellte Züge und transportierte sie zurück nach Newcastle. Dort zog man Zäune um die Zechen und erklärte die Kumpel zu Gefangenen mit Arbeitsverpflichtung.
Als der Streik dennoch durchgehalten wurde, griffen die Regierenden zum letzten Mittel und schickten Militär. Es gab bald Tote und Verletzte unter der Bergleuten. Das löste den Streik Zehntausender Kontrakt-Arbeiter aus. Auch von den freien Indern saßen bereits Tausende in Haft.
Nachrichten von der Krise in Südafrika gingen um die Welt. Sie brachten Bewegung in die "Mitreisenden". Um keinen Aufruhr in Indien zu riskieren, sah sich der britische Vizekönig und Gouverneur von Indien veranlasst, sich gegen alle Gewohnheit in die südafrikanische Politik einzumischen. Da konnte auch London nicht umhin, ein Wort mitzureden. Diesem Einspruch des Empire musste sich Südafrika beugen.
Anfang 1914 war ein Vertag unterschriftsreif, der die Kopfsteuer für indische Kontrakt-Arbeiter nach 20 Jahren abschaffte. Auch die Rechtswirksamkeit nichtchristlicher Ehen wurde anerkannt.
Damit war Gandhi am Ziel. Und Indien rief ihn zurück. Im Hafen von Bombay begrüßte ihn eine jubelnde Menschenmenge. Tagore, der weltberühmte indische Intellektuelle jener Zeit, gab ihm den Ehrentitel "Mahatma", große Seele.


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