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1 Peter Cheltschizki und die böhmische Revolution


Die Lage spitzt sich zu im Königreich Böhmen. Die Nachrichten vom Erfolg der Reformbewegung, die das Land seit 10 Jahren in Atem hält, reißen nicht mehr ab. Seit den aufsehenerregenden Predigten des Magisters Jan Hus in Prag.
Der Gelehrte hatte es gewagt, laut die Erneuerung der Kirche zu fordern. Hundert Jahre vor Luther. Schon bald konnte er eine große Anhängerschaft um sich sammeln. Auch König Wenzel unterstützte die Hussiten, wie man die Reformer nach ihrem Vorkämpfer nannte.

Dann kam der unvermeidliche Ärger mit Rom. Nach Bann, Predigtverbot und Bücherverbrennung wurde Hus schließlich auf dem Konstanzer Konzil zum Ketzer erklärt und lebendig verbrannt.
Das kirchliche Glaubensgericht hatte eine Vorliebe für den Feuertod, wenn Andersdenkende nicht beizeiten zu Kreuze kriechen wollten.
In Böhmen löste das vollstreckte Todesurteil gegen Hus einen Aufschrei aus. Es schreckte die Hussiten nicht, sondern bestärkte sie nur in der Gegnerschaft zu Rom, radikalisierte sie im Innern und trug ihnen von außen noch mehr Sympathie und Zulauf ein.

Im Sommer anno 1419 hatten sich die Reformpriester mal wieder etwas Neues einfallen lassen, um den Widerstand der Romtreuen endgültig zu brechen.
Weil auf dem Lande immer noch zahlreiche Geistliche gegen die Erneuerung eingestellt waren und die Reformer notfalls aus der Kirche warfen, riefen die Hussitenprediger ihre Leute zum Gottesdienst auf einen Berg, den sie Tabor nannten. Die Messen auf dem Berg in Südböhmen entwickelten sich in kurzer Zeit zu beachtlichen Versammlungen. Aus allen Teilen des Landes strömten die Menschen zum neuen Wallfahrtsort. Das Taborfieber stieg von Woche zu Woche. Am 22. Juli 1419 sollen bereits über 40 000 Taboriten zusammengekommen sein. Das war damals eine überwältigende Menschenmenge, ungefähr vergleichbar mit einer Million Demonstranten heute.
Astrologen suchten in den Sternen nach den Ursachen des Aufruhrs. Und ein Chronist schrieb über den Berg Tabor, er ziehe die Menschen an wie ein Magnet das Eisen.

Nicht aber König Wenzel. Der sorgt sich um die Folgen: Am 30. Juli melden Kundschafter des Königs einen Vorfall, der Wenzel in seinen schlimmsten Befürchtungen bestärkt.
Im Rathaus der Prager Neustadt, nur eine Meile von der königlichen Burg entfernt, auf der sich Wenzel gerade aufhält, sind der Bürgermeister und die Ratsherren ermordet worden. Von Taboriten. Anlass sollen Witzeleien der Stadträte über eine Prozession gewesen sein, die unten auf der Straße vorbeizog. Den Spott der Reformgegner straften die anwesenden Taboriten auf der Stelle. Sie stießen die Ratsherren aus dem Fenster. Aber nicht genug damit, riefen sie gleich darauf alle Bürger der Neustadt zum Tatort. Denen, die dem Aufruf nicht nachkämen, drohten sie harte Strafen an.
Sie versammelten sich im Rathaus, wählten vier Mann aus ihrer Mitte zu vorläufigen Ratsherren und sicherten das Rathaus durch eine große Anzahl Bewaffneter.

Das war die offene Rebellion.
Trotz seiner bösen Ahnungen kann der König das Vorgefallene nicht fassen. Er will es einfach nicht wahrhaben. Tobt und schreit wie ein trotziges Kind, freilich etwas lauter. Man kann es in allen Winkeln der Burg hören. Er droht, sie alle auszurotten, diese verfluchten Hussiten, zuallererst die Priester und dann alle anderen.

Aber dazu ist es längst zu spät. Seine Berater, die zum Teil mit den Reformen sympathisieren, drängen ihn zu friedlicher Beilegung des Konflikts. Dem König bleibt keine Wahl. Er muss in Verhandlungen einwilligen. Muss mit ansehen, dass die Täter straflos davonkommen, um womöglich schon den nächsten Coup gegen ihn zu planen.
Wenzel schluckt die Kröte, aber dann trifft ihn der Schlag.

Die Nachricht vom Tod des Königs löst anderntags in Prag eine Welle der Gewalt aus. Die Wut der Menge richtet sich vor allem gegen Kirchen und Klöster, die noch immer am alten Ritus festhalten. Es entsteht erheblicher Sachschaden. Aber Geistliche und Mönche kommen noch einmal mit dem Schrecken davon.
Nach weiteren Ausschreitungen im Umkreis der Hauptstadt besetzen königliche Soldaten die Prager Burg und andere strategische Punkte.
Anfang November schlagen sie los. Bei Straßengefechten gibt es die ersten Toten und Verwundeten auf beiden Seiten. Ganze Häuserreihen gehen in Flammen auf. Doch als am dritten Tag ein Zug von ein paar tausend Taboriten Prag erreicht, geben die königlichen Truppen klein bei. Ein förmlicher Waffenstillstand ist die Folge. Aber die so wiederhergestellte Ruhe ist trügerisch.

Mit dem Taboritenzug war ein Mann nach Prag gekommen, der mit den Aufständischen sympathisierte, ohne mit allem einverstanden zu sein, was sie taten und vorhatten.

Der etwa 40-jährige Sohn eines Ritters aus dem südlichen Böhmen hatte einen besonderen Beweggrund, sein Dorf Cheltschize zu verlassen. Außerordentlich gebildet, nahm er lebhaften Anteil am religiösen Streit der Zeit. Vor ein paar Jahren, als Jan Hus aus Prag nach Südböhmen geflüchtet war, hatte er den gebannten Magister aufgesucht, um mit ihm über Glaubensfragen zu sprechen. Jetzt wollte er den Nachfolger von Hus an der Prager Universität, den angesehenen Magister und Prediger Jakobellus von Mies befragen.
Vor allem bewegte ihn die eine Frage: Darf ein Christ seinen Glauben mit Waffengewalt verteidigen?

Für Meister Jakobellus keine überraschende Frage. Er hieß den Mann, der sich als Peter aus Cheltschize vorstellte, in seiner Studierstube willkommen und ließ sich Zeit mit der Antwort.
Das Gespräch der beiden Männer drehte sich zunächst um Fragen des Ritus und streifte dann die dramatische Entwicklung im Lande seit einigen Monaten.
Sie verstanden sich gut und waren sich einig im Urteil über die römische Kirche und die christliche Gesellschaft. Nach dem Gedankenaustausch war es für Jakobellus an der Zeit, die Frage seines Gastes zu beantworten.
Unumwunden sagte er ja zur bewaffneten Verteidigung. Aus der Bibel sei seine Haltung nicht zu rechtfertigen, gab er zu; schon gar nicht aus der Bergpredigt. Aber die Kirchenväter hätten den 'gerechten Krieg' ausdrücklich vorgesehen und erlaubt. In Prag und im gesamten Königreich sei eine Lage entstanden, die genau den Bedingungen des 'gerechten Kriegs' entspreche: Kirche und Staat könnten sich nicht auf die Wahrheit des Evangeliums berufen. Sie folgten allein ihrer Habsucht, Machtgier und Anmaßung. Verzicht auf bewaffnete Verteidigung bedeute unter diesen Umständen, dass die Hussiten sich der Rachsucht der Unterdrücker wehrlos auslieferten. Sich wie ausgebrochene Schafe wieder in den engen Pferch sperren und zur Schlachtung führen ließen.

Jesus fordere aber doch die Feindesliebe, warf Peter ein. Auf den Einwand war Jakobellus gefasst. Wenn, meinte er, der Feind uns nicht nur schlägt, sondern tötet, ist es uns nicht mehr möglich, ihn zu lieben. Beim Todfeind höre es auf mit der Feindesliebe.
Peters Antwort, Jesus sei ohne Gegenwehr in den Kreuzestod gegangen, brachte den Gelehrten nicht in Verlegenheit.
Jesus, sagte er, habe nur seinen Leib hingegeben, nicht aber seine Wahrheit. Die Römer hätten seinerzeit noch nicht über das Instrumentarium der Kirche verfügt, um abweichende Gesinnungen gänzlich zu vernichten. Die Inquisition lösche dagegen mit dem Leben ihrer Opfer auch deren Ideen möglichst restlos aus.
Ehe Hus auf dem Scheiterhaufen endete, seien seine Bücher verboten und verbrannt worden. Nur ein Jahr nach Hus' Ermordung habe das Konzil auch dessen Freund, den Magister Jeronimus von Prag, gefangen, gefoltert und lebendig verbrannt. Keinen Jünger Jesu hätte die Inquisition, die römische Furie, verschont und keine Zeile seiner Botschaft. Wenn sie könnte, würde sie sofort auch ihn, Jakobellus, und alle anderen Hussiten töten.
Angesichts der Vernichtungsdrohung stelle sich die Frage nach dem Widerstandsrecht nicht. Der bewaffnete Widerstand sei vielmehr das Gebot der Stunde.
Peter Cheltschizki sah, dass der Magister seinen Standpunkt entschlossen und geschickt verteidigte. Nun war es an der Zeit, dass er selbst die Katze aus dem Sack ließ und s e i n e Antwort gab, denn der Besucher war nicht als Schüler oder Student nach Prag gekommen. Vielmehr wollte er der Antwort des Magisters seine eigene gegenüberstellen.

Sie haben gute Gründe für Ihre Haltung angeführt, Meister Jakobellus, sagt er. Trotzdem, ich sehe die Sache etwas anders. Mir geht es ja nicht um die Frage, was irgendein Mensch in dieser Situation tun soll. Meine Frage ist: Darf ein Christ seinen Glauben mit Waffengewalt verteidigen?
Ich spreche nicht von dem Gesindel, das den Namen und das Zeichen des Erlösers auf seine Fahnen schreibt, um damit Schlachten und Macht zu gewinnen wie zuerst Kaiser Konstantin. Für Christus gab es keinen Krieg, auch keinen 'gerechten Krieg', für die Urchristen auch nicht. Erst die staatstragenden Kaiserchristen versuchten, den Krieg zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Nach Gutdünken nannten sie ihn gerecht. Die Folge davon ist, dass die eine Rotte auszieht, die alte heilige Kirche zu verteidigen, und eine andere sich in Marsch setzt, die Wahrheit des göttlichen Gesetzes zu behaupten; eine dritte will die göttliche Ordnung vor den Ketzern bewahren, und wieder eine andere Rotte rüstet sich, das öffentliche Wohl zu erhalten, damit die Armut nicht so schandbar mager sei. Die Könige und Fürsten schließlich ziehen das Schwert, 'ihr' Land und die 'gottgewollte' Ordnung zu sichern, damit sie die Herrschaft nicht verlieren. Und das ganze Gesindel dieser untereinander verfeindeten Rotten heißt Christen. Sie sprechen zu Gott: Vater unser. Aber während sie in jeder Rotte um den Sieg beten, wird Gott doch niemand erhören. Denn der Glaube dieser Christen ist nichtig, ihr Gebet ist leer, wo sie antreten, Blut zu vergießen. Dem Glauben nach sollte nämlich ein jeder bereit sein, für den Glaubensbruder zu sterben, wie Christus für alle gestorben ist.

Gelassen hörte Meister Jakobellus Peters Rede an. Im Grunde gab er seinem Gast sogar Recht, theoretisch. Aus praktischen und taktischen Erwägungen hielt er jedoch dagegen, dass auf 100 Getaufte vielleicht ein wahrer Christ käme. Dieser eine werde von den anderen nicht gedrängt, mit in den Krieg zu ziehen. Aber umgekehrt könne dieser Einzelne den Vielen auch nicht das Gesetz des Handelns diktieren.
Die meisten Christen seien nun mal Menschen, die sich nicht kampflos opfern möchten.

Peter wusste nun, woran er war. Er hatte d i e Autorität unter den Prager Gelehrten gehört. Auch war ihm klar, dass er seinen prominenten Gesprächspartner nicht umstimmen konnte. Also bedankte er sich für die freundliche Aufnahme und ging.

Wenige Wochen danach, im Januar anno 1420, setzte sich die schreckliche Schaukel der Vergeltungsschläge in Bewegung. In verschiedenen böhmischen Städten wurden Hussiten verfolgt, eingekerkert und getötet. Im Gegenzug eroberten taboritische Kampfgruppen einzelne Ortschaften und vertrieben die Reformgegner. Daraufhin rief der Papst im März zum Kreuzzug gegen die Tschechen auf. Nach Scharmützeln um die eine oder andere Burg kam es im Juni zur Schlacht. Das Kreuzzugsheer wurde vor den Toren Prags geschlagen.

Um diese Zeit kehrte Peter Cheltschizki in sein Heimatdorf zurück. Vielleicht folgte er einem Ruf. Denn er übernahm das Amt des Pfarrers in Cheltschize. Die Stelle war frei geworden, als österreichische Kreuzzugsteilnehmer auf dem Marsch nach Prag den Pfarrer Vojtech als Ketzer ermordeten.
Da die Taboriten ausdrücklich einen Laienprediger als gleichberechtigt für das Priesteramt ansahen, stand der Berufung Peters nichts im Wege.
Der neue Pfarrer spielte in seiner Gemeinde schon seit Jahren eine Rolle im Kreis der Cheltschizer Brüder, einer Gesprächsrunde Reformgesinnter.

Peters Gemeinde war aber nicht allein das Dorf in Südböhmen. Er predigte für Cheltschize und Umgebung; darüber hinaus wandte er sich in seinen Schriften an ganz Böhmen, ja, eigentlich an alle nachdenklichen Menschen auf der Welt.
Über die Wahrheit, die er fand und verbreitete, schrieb er selbst: Sie vermöchte aus Tausenden von Welten eine einzige zu machen.

Es war das Prinzip der Gewaltlosigkeit, das er durch Christus ausgesprochen und verwirklicht sah. Was damit unvereinbar ist, nannte Peter unchristlich, namentlich Krieg, Todesstrafe, Folter, Unterdrückung und Ausbeutung.
Gegen das Morden und Brennen zu seinen Lebzeiten predigte und schrieb er freilich vergebens. Der Krieg in Böhmen nahm seinen Lauf.
Das Heer der Hussiten gewann Schlacht um Schlacht. Bis weit und breit kein Feind es mehr wagte, gegen diese Streitmacht anzutreten. Es ging das Gerücht, die Hussiten seien mit Satan im Bunde und deshalb unbesiegbar.

Heutzutage, im Zeitalter der Atomraketen, wirkt der Aufmarsch der Unbesiegbaren eher belustigend als beängstigend. Aber die Zeitgenossen, besonders die Feinde, zitterten bei ihrem Anblick.
Voraus marschierte ein Priester, der eine Monstranz mit Hostie wie eine Fahne an einem langen Stab hochhielt. Ihm folgte auf einem weißen Pferd der einäugige Heerführer. Dem schloss sich die Truppe der Ritter und Schützen an. Die Hauptstreitmacht bildeten aber die mit Dreschflegeln bewaffneten Bauern. Als Logo prangte auf Fahnen und Kleidungsstücken der Kelch.

Die christlichen Symbole und Bekenntnisse auf beiden Seiten der Front änderten nichts am erbitterten Kampf. Vielmehr wetteiferten sie alle nach Kräften im Stechen, Würgen und Brennen.
Eine Spezialität der Hussiten war die planmäßige Vernichtung von Klöstern, Kirchen und Herrschaftshöfen, ja, ganzer Städte.
Als Motto könnte ihnen vorgeschwebt haben, was 400 Jahre später Büchner auf die Formel brachte: Friede den Hütten! Krieg den Palästen!
Nur mangelhaft kaschierte der religiöse Streit den Klassenkampf. Peter zeichnete die Gesellschaft seiner Zeit so:
Zwei unersättliche Fresser, der Geistliche und der Edelmann, reiten auf dem gebückten Bauern und leisten sich von seinem Schweiß und seinen Schmerzen ein üppiges Leben.
In Peters Vorstellung einer Friedensordnung ist kein Raum für Obrigkeiten. Er beschwört vielmehr das einfache Leben in einer brüderlichen Gemeinschaft.
Die radikalen Taboriten hatten Ähnliches im Sinn, als sie sich daran machten, das Leben in Böhmen zu vereinfachen. Doch für sie heiligte der Zweck das Mittel.

Bereits im ersten Jahr der Revolution zerstörten sie 50 reiche Klöster, deren ausgedehnter Grundbesitz Herrschaft bedeutete. Die Bauern wurden aus der Abhängigkeit der Grundherren befreit. Zur gleichen Zeit allerdings zogen sie die Befreiten von der Landarbeit ab. Für den Krieg.
Am Ende war allen Siegen der Hussiten zum Trotz das zuvor wohlhabende Böhmen so leergefegt, dass die Truppen zu Raubzügen in die Nachbarländer gezwungen waren.

Die Radikalkur erinnert an das Vorgehen der Roten Khmer, die vor wenigen Jahrzehnten das Land Kambodscha in ein Bauernparadies verwandeln wollten. Jeder sollte selbst seinen Reis anbauen. Städte waren überflüssig. Doch der Traum von der Rückkehr zur Dorfkultur war nach wenigen Jahren ausgeträumt. Wie vor fast 600 Jahren in Böhmen.
Den vormals Bessergestellten, Bürgern und Adligen, ging die Revolution der Hussiten zu weit. Und als die Kirche Kompromissbereitschaft andeutete, kam es zur Spaltung der Reformer. Die Gemäßigten schlossen sich mit den Kaiserlichen zu einem Militärbündnis zusammen und besiegten den Rest der Taboriten im Jahr 1434.

Nach den Gräueltaten der Kriege schlug die Stunde des Gewissens. In ganz Böhmen wuchs das Interesse an Peters Thesen zur Gewaltlosigkeit. Aus kleinen Gesprächskreisen wie dem der Cheltschizer Brüder entstanden überall im Land die Gemeinden der Böhmischen Brüder. Sie beriefen sich ausdrücklich auf Peter Cheltschizki. Und sie setzten in ihrem Wirken einen großen Teil von Peters Ideen in die Tat um.





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