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9 Beim Philosophieren


Ein Gedankenspieler, ein Philosoph, Freund der Wahrheit und Weisheit, kann auf die Mittel der Gewalt verzichten. Wer, wenn nicht er, hätte das Zeug dazu? Endlich ein Mensch, dessen Geist die nötige Schubkraft entwickelt, sich aus dem Schwerefeld der Erdgewalt zu befreien.

Wie wir uns die Gedankenspieler idealiter vorzustellen haben, zeigt folgende Szene:

Drei Männer im vorgerückten Alter durchwandern eine südlich-sonnige Insel. Sie haben keine Eile und, wo sich die Gelegenheit dazu bietet, machen sie Rast im Schatten der Zypressen.

Doch das Gespräch, ach, was sage ich?: der nimmermüde Gedankenflug trägt sie weit, heute möchte man sagen: Lichtjahre weit. Dass die alten Männer zu einem Heiligtum pilgern, rundet das Bild ab, das Szenario für Philosophen in Alt-Griechenland.

Oder sollte es eher heißen: die werbewirksame Verpackung für furchtbare Gedanken?

Denn es handelt sich bei der skizzierten Idylle um die Rahmenhandlung zu Platons Politeia, zum Staat nach Platons Gusto. Damit tarnt oder schmückt sich ein Denken, das zur Herrschaft drängt und bei der Wahl der Mittel nicht eben zimperlichlich ist.

Das kündigt sich schon an durch die Form des Gesprächs. Immer seltener von Fragen oder rhetorischen Einwürfen unterbrochen, verkommt es bald zum schlecht getarnten Vortrag. Und was der Hauptredner da vorträgt, um nicht zu sagen: predigt, entspricht genau dem Führerprinzip.

Er möchte das Leben jedes Einzelnen in seinem Staat per Gesetz bis ins Kleinste reglementieren. Von der Zeugung bis zur Beerdigung; Gefängnisse, Kriege und Sklavenhaltung sind selbstverständlich.

Das verrät den philosophischen Geist als Lokal- und Zeitgeist der edlen Griechen. Fehlt nur noch der Hinweis auf die Tatsache, dass Platon wiederholt versucht hat, seine Vorstellungen zu verwirklichen. Syrakus wurde zum Spielfeld, seine Einwohner zu Opfern und Mittätern. Es dauerte nicht lange, bis der Spuk vorbei war. Das einzig Positive an dem Experiment.

In Anspielung auf Platons berühmten Dialog "Symposion", zu deutsch Gastmahl, schrieb der Satiriker Lukian einen Text gleichen Titels. Hier wie dort lädt ein reicher Gönner zum Festmahl. Unter den Gästen eine Schar von Philosophen. In Platons Text tun diese ihre Pflicht. Sie treten in einen edlen Wettstreit mit Worten. Der soll den Lorbeer tragen, der die schönste Lobrede auf den göttlichen Eros hält. Die Herren entledigen sich der Aufgabe einer nach dem anderen mit Bravour, sie steigern sich, der folgende übertrifft stets den Vorredner. So bleibt die Veranstaltung bis zum Schluss spannend und - ganz nebenbei - verschafft Platons Gedankenspiel einen bemerkenswerten Platz im Schaufenster der Geschichte.

In Lukians Satire dauert es nicht lange, bis sich die Vertreter der verschiedenen Denkschulen ganz wörtlich in die Haare kriegen. Nur ein einziger lobt die Liebe - durch die Tat. Als nämlich im Tumult der wüsten Schlägerei das Licht im Raum erlischt, vernascht der Kyniker die Flötenspielerin.




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