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6 Beim Sprechen


Mensch besitzt ein untrügliches Kennzeichen, einen Ausweis, der jeden Zweifel an seiner Identität verbietet: die Wortsprache. Nur Menschen können sprechen.
Diese Feststellung steht nicht in Widerspruch zu Schillers These: "... der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."
Die Sätze schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Wie jedesmal, wenn wir von Spiel reden, ist auch das Sprachspiel ein Handeln, das uns nicht angeboren ist. Wir müssen seine Regeln erst lernen, ehe wir erfolgreich mitspielen können. Weil wir uns diese Regeln bereits in frühester Kindheit aneignen, sind sie den meisten Menschen nicht bewusst. Erst beim Erlernen einer weiteren Sprache, erkennen wir mehr oder weniger klar ihre Besonderheiten, etwa die unentbehrlichen Gebrauchsanweisungen zur Aussprache und Grammatik.
Wie jedes Spiel hat auch das Sprachspiel ein Ziel: die Verständigung. Wer zu viel Fehler macht, verfehlt das Ziel. Für Schüler/innen eine unangenehme Erfahrung, zum Teil, weil die Sprachlehrer/innen viel zu pingelig sind und Fehler finden, wo keine sind.
Nachbarn, die über den Gartenzaun hinweg plaudern, haben kaum etwas zu verspielen; sie haben leichtes Spiel. Schwierig wird es, das Sprachspiel in Konfliktsituationen nach allen Regeln der Kunst zu spielen. Nicht wenige verlieren, wenn es ernst wird, ihren Ausweis. Vor Aufregung werden sie nahezu sprachlos oder fallen auf die Stufe der stummen Lebewesen zurück, um sich womöglich mit Brachialgewalt doch zu behaupten. Die eben noch artige Worte wedelnden Hundeherrchen, deren Schützlinge sich beißen, stehen sich plötzlich nur noch bellend gegenüber, wenn es nicht noch ärger kommt.
Die Inuit in der Arktis kultivierten den Schimpfkampf, der öffentlich ausgetragen wurde, mit Trommeln und Singsang. Das Publikum entschied durch mehr oder weniger Beifall, wer Sieger, wer Verlierer war. Vor der Eskalation des Streits in offene Gewalt schützten traditionelle Regeln und notfalls die Umstehenden.
Der arktischen Konfliktverarbeitung lag die Erfahrung zugrunde, dass oft das Wort eines Unbeteiligten genügt, einen Streit zu schlichten und Verständigung zu ermöglichen.
Allerdings fehlt es auch nicht an Beispielen dafür, dass Menschen das Wort mit Bedacht und ohne Not als Waffe gebrauchen. Medien und Theaterstücke sind Sammlungen von Lügen, Entstellungen, Drohungen etc. Alltägliche Ausreden haben meist nicht die Tragweite der in die Öffentlichkeit gestreuten Behauptungen, aber sie missbrauchen die Sprache und verderben das Sprachspiel.


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